Arthur Schnitzler an Stefan Großmann, 14. 2. 1921

17. 2. 1921.

Sehr verehrter Herr Grossmann.

Vielen Dank für Ihr freundliches Interesse. Sie haben indeß wohl meine Karte erhalten, in der ich Ihnen sagte, wie sehr mich Ihr parodistischer Dialog amüsiert hat. Ich habe vorläufig keine Absicht mich über den »Reigen« und die sogenannnte Reigen-Affaire in der Öffentlichkeit weiter zu äußern. Was ich Herrn Maximilian Harden erwidert habe, ersehen Sie aus beiliegendem Zeitungsblatt. Die Berichtigung war übrigens in einigen Berliner Blättern abgedruckt. Von den hiesigen Skandalen, insbesondere von dem gestrigen, werden Sie wohl indeß gelesen haben. Was soll man dazu sagen? Ich käme mir unsäglich komisch vor, wollte ich mit den Herren Kunschak oder Seipel oder mit dem Schusterlehrling polemisieren, der das Theater stürmt, mit dem begeisterten Ruf: Nieder mit dem Reigen! Man schändet unsere Frauen! Nieder mit den Sozialdemokraten! (Es kann übrigens auch ein Stud. med. gewesen sein oder ein Tapezierergehilfe, – wobei meine Sympathie immerhin noch mehr bei dem Tapezierergebilfen ist als bei den Herren Seipel und Kunschak.) Ich habe ja schon einige ähnliche Sacben erlebt, wenn auch in bescheideneren Dimensionen. Erinnern Sie sich nur an den ›Leutnant Gustl‹ und den ›Professor Bernhardi‹. Nach einigen Jahren bleibt von all dem Lärm nichts weiter übrig als die Bücher, die ich geschrieben und eine dunkle Erinnerung an die Blamage meiner Gegner. In diesem Fall wird es nicht anders sein.
Mit herzlichem Gruß
Ihr sehr ergebener
    gestrigen]
    Das erlaubt abweichende die Datierung des Korrespondenzstücks, da am 13. 2. 1921 die auch im folgenden angesprochenen Ereignisse stattfanden.