Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 1. 10. 1919

1. 10. 19
Wien

mein lieber Hugo, vor ein paar Wochen schon hat mir die Hofrätin gesagt, Sie seien auf einen Brief an mich ohne Antwort geblieben; ich will Ihnen nur mittheilen, dss Ihr Brief vom 19. 9. der erste ist, den ich seit vielen Monaten von Ihnen erhielt – der letzte berichtete von Ihrem leidenden Zustand und ich schrieb Ihnen darauf, dss ich gern einmal zu Ihnen nach Rodaun käme, aber darauf hatt ich von Ihnen nichts weiter gehört. Nun freuts mich sehr dss die neueste Kunde so arbeitsfroh und hoffnungsvoll klingt und es wäre wahrhaftig schön, wenn man wieder einmal einer jener feiertäglichen Vorlesestunden entgegensehen dürfte – die nur im Lauf der Jahre um so viel seltener geworden sind als selbst die seltensten Feiertage. Und was für eine Reihe von festlich ergreifenden Abenden – von jenem ersten an, an dem Sie mir, an einem warmen Juniabend war es, in der Giselastraße, »Gestern« vorlasen – oder war ich es, der mit dem »Märchen« anfing, in der Seidlgasse, bei Richard – ich weiß nicht mehr? Es kam wirklich wenig darauf an, ob das Werk als solches mehr oder weniger vollendet war – der Beifall geringer oder größer – im Rückblick bleiben es durchaus Stunden der kräftigsten, belebtesten Atmosphäre – bessere, reinere, als wenn man dasselbe Werk zum ersten Mal der Oeffentlichkeit zu präsentiren hatte. Ich bin höchst gespannt was Sie von Altaussee mitbringen werden. Mit meiner Arbeit (Stück) geht es so langsam vorwärts, dss ich fast von einem Stillstand sprechen kann – obzwar ich die Continuität zum mindesten durch beharrliches Anstarren unbeschriebener Papierblätter oder Ausstreichen des geschriebenen festzuhalten versuche. Das letzte, was ich fertig gemacht habe, sind die »Schwestern«, die bei Reinhardt kommen sollen; – mir selbst ist selten was von mir so lieb gewesen. Ich hab allerlei vor, manches aus den letzten Jahren ist sogar recht weit gediehen; aber meine Arbeitskraft ist wohl unter dem Einfluss dieses grauenhaften Weltzustandes – so tief herunter wie noch nie. Zu einer größeren Reise hab ich mich nicht entschließen können, nun lädt mich meine Schwägerin sehr dringend nach Partenkirchen (wohin auch Olga im Anschluss an ein Münchner Concert gehen wird); aber mich graut vor Wartesälen, Bahncoupés, Zollvisitationen, Gepäckaufgeben; und so wird auch daraus kaum was werden. Ich bin in diesem Sommer nur in Reichenau gewesen, einmal zehn Tage (mit all den Meinen), einmal drei Tage; – das ist für mich ein Ort so erfüllt von Erinnerungen der mannigfachsten Art, dss ich ihnen, in der schweren Stimmung dieser Sommertage, kaum gewachsen war. Immerhin wurden mir in tausend und mehr Metern Höhe, auf Wiesen, an Waldesrand, ein paar gute Stunden.
– Wenn nicht früher, mein lieber Hugo, so sehe ich Sie wohl bei der Generalprobe der sonnigen Frau (ich habe Strauß um Einlaß gebeten, auch für Olga, hoffentlich gehts) – ich kenne schon allerlei daraus vom Clavier her und freu mich ganz besonders. Haben Sie denn nun auch die Märchen-Erzählung, von der Sie mir öfters sprachen – die denselben Stoffbehandelt, fertig gemacht?
– Ich schicke diese Zeilen noch nach Aussee. Haben Sie weiterhin gute, reiche Tage!
Von Herzen Ihr
Arth
    Juniabend]
    Tatsächlich am 7. 10. 1891.
    Märchen]
    Diese Lesung fand am 25. 6. 1891 in der Seidlgasse statt. Aber bereits früher lassen sich solche Lesungen im privaten Kreis nachweisen.