Hugo Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 19. 9. 1919



*Bad Auſſee, den 19. IX 19.

mein lieber Arthur

ſehr oft in dieſem Sommer ſind meine Gedanken zu Ihnen gegangen. In Ferleiten im Juli, wenn ich herumging in dem ſtillen engen Thal das mir die Jahre meiner frühen Jugend ſo nahe bringt, fielen Sie mir ein als einer von denen, die ſchon damals meine Freunde waren und an die ich auf einem Holztisch in dem kleinen Tannenwald hinterm Gaſthaus – und der Holztiſch ſteht noch immer da – Briefe ſchrieb. Das ist ſiebenundzwanzig Jahre her, wie ſchwer faſslich! – Dann war ich dreimal in dieſem Sommer in Salzburg u. nie bin ich durch den Mirabell-garten gegangen, nie nach Hellbrunn oder Leopoldskron, ohne ſo herzlich an Sie zu denken.
Das letzte Mal, daſs ich Sie geſehen habe, das war bei der Generalprobe der Oper »Palestrina« – da waren Sie ſo schwer bedrückt von dem was in der Welt vorging und ſich anzukündigen ſchien, ſo bemüht u. bekümmert ſah Ihr vertrautes inhaltsvolles Geſicht aus – ich wurde dann bald krank, da ſah ich ſehr oft Ihr Geſicht ſo vor mir. Meine Krankheit war tiefergehend als ſie im erſten Augenblick ſchien, vom erſten April bis in den Juli hinein war ich ein kranker, veränderter Menſch – erſt in Ferleiten, ganz ganz einſam, hab ich mich zu mir ſelber *zurückgefunden, und nach jedem ſolchen Zurückfinden iſt man ja vielleicht ein ſtärkerer Menſch als je zuvor, man iſt halt um eine Windung der Schraube höher gekoen. –So muſs ich mich glücklich nennen ſeit Ende Juli, es iſt eine Productivität über mich gekoen wie ich ſie viele Jahre – es waren halt zu ſchwere Jahre – nicht gekannt habe, es ſind Arbeiten fertig geworden, andere in mir aufgewacht, noch andere ſtark vorwärts gekoen – ich glaube es iſt einiges darunter, dem Sie Ihren Beifall geben werden, der mir immer ſo warm u. vertraut und von Grund aus woltuend iſt.
So ſtark iſt dieſes Zuſtrömen von Einfällen und ſo ſicher endlich einmal – Sie kennen meine bizarre ſchwierige Natur – die rhytmiſche Wiederkehr productiver Stunden, daſs ich Strauss u. Schalk gebeten habe, mich bei den Proben der »Frau ohne Schatten« zu entſchuldigen – ich bin ja dort ohnedies nur das fünfte Rad am Wagen – ſo komme ich erſt knapp vor der Première, dann hoffe ich Sie recht bald zu ſehen. – Wie ſchön wenn man nur ſich wieder ein biſſerl öfter ſähe!
Von Herzen Ihr
Hugo.
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    Generalprobe]
    Siehe A. S.: Tagebuch, 27. 2. 1919
    Première]
    Die Uraufführung fand am 10. 10. 1919 in der Wiener Oper statt. Schnitzler nahm zwei Tage zuvor an der Generalprobe teil.