Robert Adam an Arthur Schnitzler, 17. 1. 1919



*Wien, 17. Januar 1919

Hochverehrter Herr Doktor!

Da ich vom Deutſchen Volkstheater zwei Monate lang nichts zu hören bekam, konnte ich meine verzweifelte Ungeduld nicht mehr bezwingen und ſchrieb an die Direktion, ſie möchte ſo gut ſein, mich vom Stande der Dinge zu verſtändigen (was wir in der Amtsſprache eine »Betreibung« nennen). Heut erhielt ich nun vom Dramaturgen Dr Glücksmann folgenden Brief:
»Ihre beiden dramatiſchen Arbeiten ›Der Fremde‹ und ›Yppl‹ ſind längſt geleſen. Ich geſtehe ſofort: mit lebhafteſtem Genuß. Die Chriſtus-Szenen ſind nicht alle gleichwertig, aber doch zumeiſt ſchön und tief und nachklingend. Vielleicht wird es möglich ſein, ſie im Rahmen einer *literariſchen Veranſtaltung zu bringen. Das 3. Bild wird man wohl auslaſſen müſſen, aus inneren Gründen, und vielleicht iſt auch das 4., nur ein undramatiſches Gleichnis, von der Bühne herab nicht wirkſam. 1. 2. 5. und 6 dürften jedoch ihre Probe beſtehen.
»Was ›Yppl‹ anbelangt, ſo iſt es eine gute Satire auf das kleinſtädtiſche Beamtenleben. Die Löſung des Konfliktes erſcheint mir freilich gewaltſam und nicht überzeugend, die Wiederholung der Probe des Dilettanten-Stückes wäre zu vermeiden, weil ſie ein bischen auf den Gang der Handlung drückt. Jedenfalls habe ich es für meine Pflicht gehalten, Herrn Direktor Bernau für die beiden Arbeiten zu intereſſieren. Sobald er dazu kommt, wird er ſie auch leſen.«
Nach Erhalt dieſes Briefes, des angenehmſten, den ich noch in Theaterdingen bekommen habe, begab ich mich – heut vormittags – in das Theater und ſuchte Dr Glücksmann auf. Er äußerte ſich ſehr liebenswürdig *über beide Stücke und ſagte, er habe ſie dem Direktor ſchon längſt als erſte der von ihm zu leſenden vorbereitet, doch ſei er immer noch abgehalten geweſen, die Lektüre vorzunehmen.
Daß Dr Glücksmann gerade das 3. und 4. Bild des »Fremden« (»Die Hure« und »Der Hund«) für untheatraliſch hält, iſt mir nicht recht begreiflich, da ich immer gerade dieſe beiden Szenen für die dramatiſch allein wirkſamen gehalten habe, und auch Sie, hochverehrter Herr Doktor, haben eine ähnliche Meinung geäußert.
Welche Szenen aber zur Aufführung kommen, ſcheint mir von ſekundärer Wichtigkeit; wenn nur überhaupt eine Annahme erfolgte! Denn damit wäre wohl die Möglichkeit gegeben, einen Verleger zu finden, und ich ſehne mich unbändig danach, juſt den »Fremden« gedruckt zu ſehen.
Ich will nun den Verſuch machen, Direktor Bernau im Theater anzu*treffen und ihn zu Beſchleunigung ſeiner Entſcheidung zu veranlaſſen. Sollten Sie, hochverehrter Herr Doktor, in der nächſten Zeit einmal mit ihm zuſammentreffen, ſo bitte ihn bei dieſer Gelegenheit meine Stücke in Erinnerung zu bringen (ſofern es Ihnen nicht unangenehm iſt).
Außer dieſem Ereignis weiß ich aus der Monotonie meiner Exiſtenz nichts zu berichten: ich arbeite im Amt und leſe daheim, halbſatt und halbwarm und halb im Winterſchlaf.
Wenn ich Sie nicht ſtöre, möchte ich Sie gerne wieder einmal aufſuchen; ich habe einige kleine Lektüreentdeckungen gemacht, die Sie vielleicht intereſſieren könnten.
Mit beſten Grüßen Ihr ſehr
ergebener
DrRAdam
    Bildrechte © University Library, Cambridge