Robert Adam an Arthur Schnitzler, 8. 12. 1918



*Wien, 8. Dezember 1918

Hochverehrter Herr Doktor!

Sie haben mir durch die Zuſendung von »Casanovas Heimfahrt« eine große Freude bereitet, und ich ſage Ihnen herzlichen Dank. Wie ſehr ich dieſe Novelle, die ich zum erſtenmal während des Erſcheinens in der Neuen Rundschau las, als die wundervoll-weiſe und ſüße Frucht einer Erzählermeiſterſchaft ſchätze, habe ich Ihnen bereits geſagt. Wenn ich mich geneigt fühle, ſie allen Ihren früheren epiſchen Arbeiten voranzuſtellen, mag mich vielleicht meine Vorliebe für den Helden, mit deſſen Memoiren ich mich längere Zeit beſchäftigt habe, beeinfluſſen; aber daß hier alle Geſtalten, nicht nur der Held, ein eigenes Leben lebten, ſodaß es iſt, als ſchüfe der Dichter nicht, wie eine laterna magica, ſondern als beleuchtete er bloß, wie ein ſcharfer Scheinwerfer ſchon Exiſtierendes; daß jede Geberde der handelnden Perſonen, alles *Lebende und Lebloſe, das ſie umgibt, mit gewaltiger Plaſtik, die doch nie aufhört, das einfachſte und ſelbſtverſtändlichſte Ding der Welt zu ſcheinen, hingeſtellt und umriſſen iſt; daß auf allen der 181 Seiten des Buchs kein Wort zuviel und daher unnütz zu ſein ſcheint, was mir als Merkzeichen einer klaſſiſchen Arbeit gilt – das muß und wird jeder Kunſtverſtändige, wenn er auch meine Spezialliebe zum Helden nicht teilt, aus vollem Herzen bezeugen. Ich bin ſchon außerordentlich auf Ihren jungen Casanova in Spaa begierig, den wir wohl ſchon längſt kennen gelernt hätten, wenn die politiſche Umwälzung nicht gekommen wäre. Bis er erſcheint, will ich mir noch einmal, und nun mit Muße und unabhängig von Fortſetzungen, den gealterten Sünder vornehmen und an Ihrem Werke lernen, wie man klar und farbig und ſpannend und einfach und doch geiſtreich erzählen kann: daß ich dies nicht kann und niemals können werde, iſt etwas, was mich manchmal niedergeſchlagen, immer aber vor dem, der es kann, ehrfürchtig und beſcheiden *macht. –
Die Bitte, die ich in meinem letzten Briefe an Sie ſtellte – Sie möchten ſich über das Geſchick meiner zwei Stücke gelegentlich erkundigen – iſt durch die traurigen Ereigniſſe der letzten Woche gegenſtandslos geworden; Sie werden einſehen, daß mich wirklich das Pech verfolgt – ich glaube ſogar, daß das Theater, das wirklich einmal eines meiner Stücke zur Aufführung bringen wollte, zumindeſt am Tage der Erſtaufführung in Flammen aufgehen oder Konkurs anſagen würde. Wenn ich alſo Trübſal blaſe – das einzige Inſtrument, für das meine muſikaliſche Anlage zureicht –, ſo iſt dieſe Beſchäftigung nicht ſo ganz unberechtigt, zumal es, trotz mancher hübſchen neuen Geſetze, nicht viel Erquickliches ringsum gibt, das aufheitern oder tröſten könnte – die Verhältniſſe haben es mit ſich gebracht, daß ich, der noch vor kurzem aus dem Staatsdienſt mich wegſehnte, um die mir noch etwa verbliebene Kraft frei verwerten zu können, nunmehr, beim Anblick ſo vieler Beliſare, froh ſein muß, ein feſtes Amt zu bekleiden, und nicht, wie ſo mancher meines Alters, auf Stel*lungsſuche gehen zu müſſen. Daß ich aber in der hungernden und frierenden Republik gerade ſo wie im Kaiſerſtaat Tag für Tag über Preistreibereien zu Gericht ſitze, als wäre gar nichts geſchehen, als beſtünde noch der außerordentliche Kriegszuſtand, das kommt mir manchmal ſo grauenhaft vor wie das Weiterwachſen der Haare einer Leiche, die verfault und zerfällt. –
Nochmals beſten Dank! Und die herzlichsten Grüße von Ihrem
ergebenen
DrRAdam
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    Belisare]
    Hier wohl im Sinne der apokrpyhen Überlieferung, Belisar hätte, nach seiner Zeit als Feldherr, die Augen ausgestochen bekommen und als Bettler auf der Straße gelebt.