Georg Brandes an Arthur Schnitzler, 18. 9. 1918



*Kopenhagen 18 Sept 18

Lieber verehrter Freund

Mein Trieb war, augenblicklich einen so herzlichen Brief zu beantworten. Es war mir nicht möglich Zeit zu finden. Endlich nach anderthalb Jahren Arbeit sind die zwei Bände über Cäsar, der erste von 500, der andere von 600 Seiten grossen Formats, vollendet, und ich kann aufatmen.
Erinnern Sie sich einmal vor Jahren, es war eben an Ihrem Geburtstag und Sie waren so freundlich gewesen, mich zu Tisch einzuladen; ich sagte: Sie sind gerade 20 Jahre jünger als ich; Sie antworteten: Und wir beabsichtigen auch ferner diese Distanz von einander zu halten. – So ist es gegangen, die Distanz ist geblieben, eine seelische Entfernung nicht eingetreten.
Ich habe Sie nie vergessen, mich immer mit Ihnen beschäftigt, und auch Sie gedenken freundlich meiner, obwohl wir uns nur selten sahen.
*Hier hat man in der vorigen Saison versucht, zwei Ihrer Stücke zu spielen, ich sah das eine, das Stück über den Schauspieler, das sehr gefiel und nicht übel gegeben wurde. Jetzt wird wieder etwas von Ihnen, an einem anderen Theater, gespielt werden. Man hat hier leider immer weniger Kunstverstand; doch werden Sie geschätzt; nur sagt unsere unglaublich idiotische Kritik, Sie seien von Peter Nansen beeinflusst. Ich glaube, Sie schrieben, bevor Sie seinen Namen gehört hatten. Und wo wäre die Ähnlichkeit!
Nansens Tod war die Veranlassung Ihres guten Briefes. Dieser Tod hat mich tief ergriffen, so tief, dass es mir ist, als lebte er noch. Mir gegenüber ein sonderbarer Mensch. Dreissig Jahre hat er mich gekannt, und in 25 mir nie näher getreten. In seinen beiden Ehen war ich nie in sein Haus geladen, ich habe nicht einmal in einem flüchtigen Besuch je seine Wohnung *gesehen. Dann plötzlich in den fünf–sechs letzten Lebensjahren schloss er sich mit einer Innigkeit an mich, dass ich eine Art Hauptperson in seiner Gedankenwelt wurde, er widmete mir öffentlich seine Bücher, schrieb öfters über mich – natürlich meistens irrthümlich – aber mit dem besten Willen.
Es war sehr, sehr traurig, die Abnahme seiner Kräfte zu verfolgen. Man litt fast mit ihm.
Und doch ertrinkt dies Einzelne in dem allgemeinen Jammer der Menschheit. Glauben Sie nicht ab auch, dass diese Kugel, Erde genannt, in dem Weltall den Record bestialischer Stupidität geschlagen hat? Es scheint mir unmöglich, dass ein anderer Globus von dümmeren und ekelhafteren Wesen bewohnt sein kann.
Ab und zu werde ich von Oesterreichern aufgesucht, aber es ist zuletzt unerträglich, von seinen Landsleuten als Gebrauchsgegenstand, *von Fremden als Sehenswürdigkeit aufgesucht zu werden. Wenn vierzig Briefe und 12 Bände pr. Tag kommen mit der Post kommen, und wenn es alle drei Minuten an der Türe schellt, so ist es unmöglich, nicht zu wüthen.
Sie irren sich völlig, wenn Sie glauben, dass ich hier für einen Vertreter dänischen Geisteslebens gelte. Die Zeit ist längst vorüber. Ich habe mich von allem äusseren Leben zurückgezogen um zu arbeiten, und betrachte es als meine einzige Aufgabe, der nordischen Jugend gegenüber, sie mir vom Halse zu halten. Ich überlasse anderen die Freuden des öffentlichen Vortrags und des Beifallklatschens.
Ihre Frau Gemahlin war mir in Wien 1913 eine liebe Wirthin. Ich sage ihr meinen Dank; hoffe, dass Sie Freude an den Kindern haben. Ich habe ein paar kleine Enkel, 10 und 5 Jahre, die selten hier sind, aber sehr lieb.
Ihr Freund
Georg Brandes
    Bildrechte © University Library, Cambridge
    vorigen Saison]
    Premiere von Erkendelsens Time (Stunde der Erkennens) und Den store Scene (Große Szene) am 22. 3. 1918 am Königlichen Theater.
    etwas]
    Literatur wurde als Gastspiel, gemeinsam mit Große Szene am 30. 9. 1918 gegeben.