Robert Adam an Arthur Schnitzler, 17. 7. 1918



*Andorf, 17. Juli 1918.

Hochverehrter Herr Doktor!

Ich bin auf meiner Suche nach einem einſamen Erholungsorte – infolge einer während der Eiſenbahnfahrt vernommenen Äußerung einer Mitreiſenden – in dieſen kleinen bäuerlichen Ort des Innviertels, nicht weit von Schärding entfernt, geraten und habe das gefunden, was ich geſucht hatte: ungeſtörte Einſamkeit – nur manchmal verſucht ſich die ältere Wirtstochter oder ein ſtrebſamer Jüngling der Nachbarſchaft im Klavierüben; letzteres hat ſeinen Grund darin, daß mein Wirt im Beſitze des Ortsklaviers iſt –, wundervolle fruchtbare Wieſen und Felder ringsum im Hügelland, weite Strec*ken abwechslungsreicher Nadelwälder, in denen es außer vielem Wild, das jetzt für mich leider nicht in Betracht kommt, Beeren und Schwämme gibt und endlich eine ſehr gute, reichliche und nach Wiener Begriffen äußerſt wohlfeile Friedenskoſt; denn man verfügt hier noch über Nahrungsmittel, deren Exiſtenz in Wien längſt zur Sage geworden iſt, vor allem reichlich über Mehl, Butter und Milch. Dieſes Phänomen iſt zum Teil darauf zurückzuführen, daß man Sommergäſte mit wenigen Ausnahmen rückſichtslos abweiſt und ſich Hamſterverſuchen gegenüber ſehr ſpröde zeigt; weshalb man mit mir eine Ausnahme gemacht hat, weiß ich eigentlich nicht recht, aber es geſchah – nach urſprünglicher Abweiſung – und ich bin dem Schickſal dafür ſehr dankbar. Ich glaube bereits die günſtigen Wirkungen der unſparſamen *Verköſtigung nicht nur auf meinen körperlichen, ſondern auch auf meinen geiſtigen Zuſtand wahrzunehmen, eine gewiſſe Fähigkeit, freier und ungenierter Gedankengängen nachzugehen, ohne beſorgen zu müſſen, daß ſie plötzlich – wie es in Wien ſo oft geſchah – in die Sackgaſſe der Nahrungsfrage einzulaufen: dies Kriegsthema des Eſſens ſchien mir in Geſpräch und Denken ſchon ſo unvermeidlich wie der Kopf Karls I. in den Promemorien des armen Dick im David Copperfield.
Meine Lebensweiſe hier iſt von äußerſter Einfachheit: ich gehe nach dem Frühſtück in den Wald, laufe und liege drin bis zum Mittageſſen; bis zur Jauſe ſitze oder liege ich in oder beim Hauſe; dann gehe ich wieder in den Wald und verlaſſe ihn erſt, um zum Nachtmahl zu gehen; nach dem Nachtmahl ſpaziere ich ein wenig auf den Feldern umher und ſitze dann mit Bauern und Schul*lehrer beim Moſt. Ich habe in zwei Wochen – außer der Zeitung – keine 20 Seiten im »Siebenkäs« geleſen und nur ſehr wenig geſchrieben. Trotzdem bin ich mit jener Kriegstragödie, von dern ich Ihnen erzählte, (der Kannibalengeſchichte) ziemlich weit gekommen; zum Niederſchreiben bin ich nur viel zu faul. Aber dieſes läßt ſich hoffentlich in Wien nachholen.
Die Kriegsſtimmung der hieſigen Bevölkerung, die durch die letzte Niederlage ſchreckliche Verluſte erlitten hat, iſt nicht viel beſſer als die der Wiener; vor Äußerungen der Erregung bewahrt ſie wohl nur ihre felſenhafte Zuverſicht, demnächſt zu Baiern zu gehören: – worauf dieſer Glaube beruht, iſt nicht zu eruieren.
Mein Urlaub endet leider ſchon in 10 Tagen.
Mit den herzlichſten Grüßen
Ihr ergebener
Robert Adam
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    Most]
    Gegärter Fruchtsaft.