Georg Brandes an Arthur Schnitzler, 19. 12. 1917



*Herrn Dr. Arthur Schnitzler

*Kopenhagen 19 Dec. 17
Verehrter, lieber Freund Niemand ist treu und liebenswürdig wie Sie. Obwohl ich nie in der Lage bin, Vergelt zu üben, senden Sie mir fortwährend Ihre Erzählungen und Schauspiele, die mir so viel Freude bereiten. Nun das letzte Mal Fink und Fliederbusch, ein heiteres Stück in trauriger Zeit, nicht ohne satirischen Stachel, aber dennoch human. Ein Franzose sagte: L’âge mûr méprise avec tolérance.
Wäre ich so glücklich all das was ich geschrieben habe, seit wir uns sahen, würde es eine stattliche Reihe Bücher ausmachen, nicht weniger als 7 schwere Bände. Mein Buch über den Weltkrieg erreicht in diesen Tagen hier die vierte Ausgabe, hat in Nordamerika zwei. Die Bücher über Goethe, über Voltaire usw. sind gut gegangen. Ein Buch, worin ich meine letzten Essays und Reden gesammelt habe, wurde *in nur 14 Tagen ausverkauft. Seit April bin ich damit beschäftigt eine grosse Maschine über meinen vergötterten Cajus Julius Cäsar zu fabricieren, wird wol auch ein paar Bände werden. Der Stoff ist sehr umfangreich, römisches Leben von c. 120 bis c. 40, aber er fesselt mich sehr. Bin ich doch kein Erfinder, nur ein enthusiastischer Forscher. Ich hoffe, dass es Ihnen und den Ihrigen, auch unseren wenigen gemeinsamen Freunden wohl geht. Ihr
Georg Brandes
    Bildrechte © University Library, Cambridge
    L’âge mûr méprise avec tolérance]
    frz. »Das reife Alter verachtet durch Toleranz«.