Robert Adam an Arthur Schnitzler, 5. 11. 1917

Wien, den 5. Nov. 1917

Hochverehrter Herr Doktor!

Ich bin, von der Amtsarbeit lange aufgehalten, endlich mit den Änderungen am »Juda« (dem man vielleicht auch den Titel: »Der Herr naht!« geben könnte) und mit den Strichen mit mir in’s Reine gekommen. Die Klarstellung der Person des Juda gleich in der ersten Szene (die doch wohl die erste bleiben muß) hat sich ohne besondere Schwierigkeit bewerkstelligen lassen und hat eine ziemliche Kürzung des Eingangsdialogs zur Folge, zwingt aber leider auch zur Ausscheidung mancher charakteristischen Züge. Mir will es auch scheinen, als ob durch diese frühzeitige Enthüllung das über die Gestalt gebreitete mysteriöse Dunkel etwas lichtfleckig würde und dadurch manche Stellen folgender Szenen (besonders der Versammlungsszene im verfallenen Hause und der Schlußszene) an Wirkung ein wenig einbüßten. Vielleicht irre ich. Jedenfalls teile ich Ihre Ansicht, daß die sofort vorgenommene Feststellung der Identität des Juda mit dem Judas, da sie das Verständnis des Publikums fördert, der Bühnenwirksamkeit des ganzen Stückes von Nutzen ist. Ob die Änderung bei einer späteren Buchausgabe beizubehalten wäre, ist eine weitere Frage, deren Beantwortung leider in absehbarer Zeit nicht dringlich werden dürfte.
Die zweite Szene (in Ostia) und die sechste (die Versammlungsszene) habe ich tüchtig zusammengestrichen, indem ich alles das, was sich auf die Differenzen zwischen den Judenchristen und dem paulinischen Christentum bezieht, alle Streiterei um Revier und Beschneidung und dergl., einfach eliminierte. Dadurch würde einem Leser gewiß große Unklarheit geschaffen, aber das Theaterpublikum dürfte darüber hinwegsehen; in jedem Falle wird auf diese Weise nicht nur vieles, was langweilt, aus dem Wege geschafft und eine größere Konzentration des Interesses erzielt, sondern auch – was nicht zu verachten ist – der schwerste Zensuranstoß beseitigt. Damit ist zugleich die Möglichkeit starker Kürzung der Simon-Hermon-Szene (Gasthaus) gegeben. Nur zu einer Verstümmelung der Hermon-Chloe-Szene, die mir sehr an’s Herz gewachsen ist, habe ich den Mut nicht gefunden. Diese Schächterarbeit möchte ich, falls sie unumgänglich nötig ist, dem Dramaturgen überlassen, der ja doch böse wäre, wenn ihm nichts zu tun übrig bliebe.
Was die von Ihnen berührten Modernismen und Fremdworte betrifft, so lassen sich manche gewiß ohne Weiteres vermeiden, und ich habe keinen Augenblick gezögert, das Wort »insipid« durch »abgeschmackt« zu ersetzen. Andere aber müssen, meine ich, doch stehen bleiben; ich wüßte z. Beisp. nicht recht, wie ich den Satz des Alityr, mit dem die vorletzte Szene schließt: »Ich bin heut indisponiert« umändern sollte; er ist halt ein Schauspieler und da muß »indisponiert sein« als terminus technicus hingenommen werden; auch »multiplizieren« läßt sich schwer verdeutschen. Daß ich oft absichtlich moderne Redewendungen brauche, haben Sie ja, hochverehrter Herr Doktor, bemerkt, und ich möchte nur beifügen, daß ich es just bei einem in der römischen Kaiserzeit spielenden Stücke für direkt ratsam halte, damit nicht zu kargen; es soll dadurch vermieden werden, daß die Römer der alten Römer-Stücke, Livius-gezeugte Puppen von hartem Holz und Korn, in traditioneller deutscher Unlebendigkeit dastehen; es soll gewissermaßen immer wieder betont werden, daß diese Leute modern waren, wie wir modern sind. Überdies ist der Fremdwörtergebrauch gar kein Anachronismus, da damals das »gebildete« Lateinisch mit griechischen Fachausdrücken und Modewörtern und das Griechisch der Orientalen mit orientalischen Wendungen und Floskeln durchsetzt war. Und daß schließlich meine alten Römer und Juden gute Wiener sind, damit halt ich gar nicht hinter dem Berge.
Sollten Sie, hochverehrter Herr Doktor, wirklich, ohne sich ein Opfer aufzuerlegen, Zeit finden, mit mir die Einzelheiten durchzusprechen, so wäre ich Ihnen außerordentlich dankbar.
Mit den ergebensten Grüßen
Ihr
Robert Adam