Robert Adam an Arthur Schnitzler, 12. 10. 1917

Wien, am 12. Oktober 1917.

Hochverehrter Herr Doktor!

Ich übersende Ihnen (da ich glaube, daß Sie es mir gestatten) meine jüngste Tragikomödie, »Juda«, die soeben fertiggewordene Arbeit des letzten Halbjahres, mit der Bitte, sie zu lesen, und mit der Bitte um Rat, was ich damit anfangen soll. Ich habe das Gefühl, daß es das erste Theaterstück ist, das ich geschrieben habe; ob es, mit meinen anderen Arbeiten verglichen, einen Fortschritt bedeutet oder aber einen Rückschritt, das kann ich selbst, und gar jetzt schon, nicht beurteilen. Bühnenwirksam dürfte es sein, wenigstens in seiner zweiten Hälfte; aber ob nicht mein Stoff knabenhaft-töricht ist, fragen immer wieder nicht zu widerlegende Skrupel (denen allerdings eine dem Milieu des Stückes gemäße Gegenfrage zu antworten weiß: welcher Theaterstoff ist nicht kindisch?) Mit einem Worte: ich stehe meiner Arbeit nun, da sie vollendet ist, mit sehr schwankenden Gefühlen und urteilslos gegenüber.
So bin ich auf den ersten Eindruck, den sie auf Sie, hochverehrter Herr Doktor, machen wird, sehr gespannt und sehe Ihrem Urteil, das Sie mir ja wohl nicht weigern werden, mit Angst und Beben entgegen. Ist das Ganze als Ganzes etwas wert oder nicht? Daß mir gewisse Einzelheiten nicht mißlungen sind, glaube ich allerdings. –
Und wenn das Stück etwas wert sein sollte: soll ich’s dem Burgtheater und dem Münchner Hoftheater einreichen? oder soll ich mein Heil bei akatholischen Theatern suchen?
Wenn ich wenigstens zur »jungen Generation« gehörte! Aber ach! ich darf mich nicht mehr zu ihr zählen (und Gott möge mich vor solchem bewahren!) und zur »alten Generation« habe ich auch nicht mehr gehört. Wo soll ich ein Plätzlein an der Sonne suchen? –
Indem ich Sie bitte, mir die 180 Seiten lange Einsendung nicht zu verübeln, verbleibe ich mit den ergeben ten Grüßen Ihr
Robert Adam