Georg Brandes an Arthur Schnitzler, 28. 9. 1917



*Herrn Dr. Arthur Schnitzler

*Kopenhagen 28 Sept. 17
Verehrter Freund! Es hat mich riesig gefreut, dass Sie auch in dieser traurigen Zeit an mich gedacht haben. Ich habe Ihr lächelnd-wehmütiges Buch mit grossem Behagen gelesen und die Bekanntschaft mit zwei reizenden jungen Damen, genannt Sabine und Katharina, gemacht. Auch eine gewisse Lebensphilosophie, eine überlegene, ist in dem Buch. Während Sie erfinderisch schöpfen, muss ich mich begnügen, geschichtliche Gestalten neu zu formen. Ich habe während des Krieges ein Buch über Goethe und eins über Voltaire publiciert, beide in zwei Bänden, ausserdem einen Band über den Weltkrieg, nur hier und in Amerika als The World at War erschienen. Seit 5 Monaten bin ich so närrisch, an einer grösseren Arbeit über Cäsar zu pfuschen. Die wird wol mehr *als ein Jahr noch nehmen. Ich denke oft an Wien und an die Freunde dort. Seit wir uns im November 1912 sahen, ist Alles verändert. Ich kann kaum verstehen, dass es fast schon 5 Jahre her ist.
Bitte sehr mich in der Erinnerung Ihrer Frau Gemahlin und Beer-Hofmanns zurückzurufen.
Ihr ganz ergebener
Georg Brandes
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