Robert Adam an Arthur Schnitzler, 23. 8. 1917

Wien, am 23. August 1917

Hochverehrter Herr Doktor!

Ich habe heute früh zu meiner freudigen Überraschung Ihren Dr Gräsler zugestellt erhalten und beeile mich, Ihnen, obwohl ich nur erst wenige Seiten lesen konnte, herzlichst für Ihre liebenswürdige Sendung und Widmung zu danken.
Ich wollte in den nächsten Tagen bei Ihnen anfragen, ob Ihnen ein Besuch angelegen käme (die Anfrage verschob ich aus einem einigermaßen kindischen Grunde: vorerst sollte nämlich eine lange Komödie – wenn man’s so nennen darf – im ersten Entwurf fertiggestellt sein, aber die letzte Szene, die allerdings ein schwieriges Ungeheuer ist, dehnt sich und streckt sich und will nicht zum Schluß kommen). Nun aber frage ich doch an, ob ich wieder einmal bei Ihnen erscheinen darf? Bevor ich auf Urlaub ging, sprach ich einmal bei Ihnen vor, traf Sie aber leider nicht an.
Über meine jetzige amtliche Tätigkeit läßt der Gerichtssaalberichterstatter manchmal etwas verlauten: ich kämpfe tagaus tagein mit der Preistreiberei, von Arbeit überhäuft, mit gutem Willen, aber in dem vollkommenen Gefühle, ich mag nicht sagen, der Don Quixoterie, (denn es handelt sich weder um Windmühlen noch um harmlose Barbiere) aber doch lächerlicher Ohnmacht. An Bildern, die Art dieses Kampfes darzustellen, kann’s ja nicht fehlen: Peitschen des Meeres, Salzbestreuen des Schwanzes, Hüten von Ameisen. Die Preise steigen mit unheimlicher Konsequenz und unsereins wandelt ihnen mißbilligend nach und versichert ihnen immer wieder, sie hätten nicht gut daran getan zu steigen und sie sollten es wenigstens jetzt unterlassen. Man spielt die lahme Gouvernante wilder Kinder, die den Trieben der Natur folgen. Wenn es nur wenigstens irgend einen Weisen gäbe, der Herr des großen Geheimnisses wäre: was denn eigentlich Preistreiberei sei? an welchem sicheren Kainszeichen man die »offenbar übermäßigen« Preise erkennen und von den unschuldigen nicht übermäßigen, sondern bloß exorbitanten Preisen unterscheiden können? Aber: »Gefühl ist alles« –
Dauert dieser Kriegszustand der Jurisprudenz noch lange an, so könnte neben dem Lächeln der Auguren jenes andere verzweiflungsvolle Lächeln berühmt werden, mit dem während einer Preistreibereiverhandlung der Angeklagte den Verteidiger, der Verteidiger den Staatsanwalt, dieser den Richter und der Richter den Angeklagten ansieht: »Vielleicht bist du klüger als ich – oder am Ende auch nicht?« Man möchte vermuten, daß wenigstens die Preistreiber selbst sich darüber klar sein müßten, ob sie Preistreiber seien: aber auch diese Vermutung ist kaum zutreffend. –
Verzeihen Sie, daß ich Sie mit Berufsklagen langweile; aber in dieser Zeit, da ich von allen Seiten nur Lebensmittelklagen höre, scheinen mir jene noch die erfreulichste Art zu sein. Und über’s Jammern kommt man jetzt ja doch nicht hinaus. –
Nochmals, hochverehrter Herr Doktor, meinen herzlichsten Dank und die ergebensten Grüße!
Ihr
Robert Adam