Arthur Schnitzler an Richard Beer-Hofmann, 23. 7. 1917

Wien, 23. 7. 1917

Lieber Richard – man wird so leicht unbescheiden! Da Sie mir einen Brief geschrieben haben, so war es mir natürlich sehr erfreulich gewesen, darin auch etwas über Sie, die Ihren, Ihr Leben, Ihr Arbeiten, und was es eben so von Ischl nach Wien zu berichten gibt vorzufinden, und ich hoffe, dass Sie in der Antwort auf diesen hier einiges nachtragen werden. Ich will Ihnen heute nur sagen, daß es Arthur K. völlig gut geht und daß er Mittwoch in seine Wiener (übrigens definitiv gekündigte) Wohnung wiederkehrt. Vorgestern fugte es sich, daß er mir seine Ideen (über die er mir schon manches vorher andeutungsweise initgetheilt) – in einer Art von Zusammenhang vortrug. Meine Vorbildung in der Philosophie ist zu wenig exact und ausgreifend, als daß ich mir ein Urtheil zu bilden vermöchte, ob die merkwürdigen Dinge, die K. eingefallen sind einen Schritt vorwärts bedeuten in der Geschichte des menschlichen Denkens: für mich handelt es sich hier um wunderschöne Gedankenspiele (nicht – Spielereien), in einer beträchtlichen und sehr reinen Höhe, an denen ich ein Wohlgefallen empfinde, in dem intellectuelle, ästhetische und auch moralische Elemente vorhanden sind. Mir war es wahrscheinlich nicht anders gegangen, wenn mir Kant oder Schopenhauer ihre geistigen Entdeckungen zum ersten Mal vorgetragen hätten; – meine Ansichten über Philosophie als Wissenschaft sind überhaupt etwas ketzerisch; nicht daß ich die Philosophie »unterschätzte« – ich rangire sie nur anderswo ein, als ihre Adepten es im allgemeinen zu thun pflegen. Und mir scheint als wenn mir gerade aus manchem was K. ausspricht, Bestätigungen für meine Auffassung – oder sagen wir Empfindung – entgegenkämen. Über die Krankheit selbst, und über die Arzte wollen wir uns mündlich unterhalten. Wann? Salzkammergut nicht sehr wahrscheinlich. Ende August gedenken wir (wenns nicht gar zu unbequem) nach Partenkirchen zu meiner Schwägerin, ev. halten wir uns in Salzburg auf. – Hier ist es ganz erträglich, ich mache (fast immer allein) schöne Spaziergänge im Wiener Wald, (den Sie kennen lernen sollten) – entdecke immer neue Gegenden, mit neuen Schönheiten. Im übrigen arbeite ich – es ist, neben dem Spazierengehen, die einzige Art, über das Grauen, die Sinnlosigkeit und die Abgeschmacktheit dieser Zeit gelegentlich wegzukommen. Sinnlosigkeit? – Oder sollte es doch einen Sinn haben? Dann müßte man erst recht verrückt werden. – Nehmen Sie unser Beileid zu Schufterls Hinscheiden; bei uns hat sich nun auch so ein kleines Thierchen einquartiert, das eigentlich der Wucki gehört, die jetzt mit ihm auf Urlaub ist – in Oberhollabrunn. Die Rückkehr beider erwarte ich mit Fassung.
Ihr
Arthur
Wir grüßen Sie Alle herzlichst.