Arthur Schnitzler an Richard Beer-Hofmann, 29. 6. 1917

Wien, 29. 6. 1917

Lieber Richard, ich nehme an es wird Sie interessiren, näheres über Arthur Kfm. zu erfahren. Vorgestern war Prof. Redlich bei ihm; er stellte die Diagnose (ich wohnte bei), die wir schon nach den 2 Briefen, die ich von A. K. nach Gastein erhalten hatte, höchst wahrscheinlich war: (acute) Manie, »Hypomanie« wie er hinzusetzte – eine leichtere Form (Paranoia – keine Spur!). Im 19. Lebensjahr hat K. einen ähnlichen Anfall gehabt, – damals trat die Krankheit als schwere Melancholie auf; – da der Zwischenraum ein so langer war – ist die Prognose günstig – wenn auch natürlich eine Wiederkehr in absehbarer Zeit keineswegs ausgeschlossen erscheint. Subjektiv befindet sich A. wohl – nicht mehr zu wohl – wie uns beim ersten Besuch in Purkersdorf beinah vorkam; kein zwanghaftes Denken mehr, kein Grübeln, – er will gesund werden, möglichst bald und vollkommen, – vor allem um sein Werk in aller Ruhe schreiben zu können. Wir wollen hoffen – und ich halte es für sehr möglich – daß er gerade in der Hauptsache gar nicht verrückt war – denn wer sollte die Philosophie weiter bringen können als er – insbesondre, da er die schöne Absicht hat sie überflüssig zu machen. Uns gehts recht gut, Gastein war sehr erholend, ich arbeite und wünschte ähnliches und andres auch von Ihnen zu hören. Wir grüßen Sie herzlichst Ihr
Arthur