Robert Adam an Arthur Schnitzler, 16. 5. 1917



*Wien, am 16. Mai 1917

Hochverehrter Herr Doktor!

Ich empfinde nachgerade ein gewiſſes Schamgefühl, da jede Mitteilung, die ich Ihnen über meine literariſchen Geſchicke zu machen habe, die von einem Mißerfolg iſt. Alſo ſeit Jahren und nun alſo auch heute.
Das Münchner Hoftheater hat den »Neidhard« abgelehnt »wegen verſchiedener Mängel im dramatiſchen Aufbau« – gegen für die ich ſelbſt, bei Gott, nicht blind bin – »und wegen allzugroßer Längen« – deren Beteiligung im Wege von Strichen ich allerdings vorgeſchlagen hatte. Den *Dramaturgen hat indeß »die an vielen Stellen aufleuchtende Poeſie und Lyrik (ein ἓν διὰ δυοῖν) »ebenſo wie der witzige, fein pointierte Dialog in den Zwiſchenſpielen« »ſtark gefeſſelt«. Schade, daß die Zwiſchenſpiele nicht abendfüllend sind!
Da ſteh ich nun, ich armer Tor, und bin entſchloſſen, das Ende des Krieges abzwarten und damit das Herankommen einer Zeit, die der ſcheußlichen deutſchfeindlichen Geſinnung, deren meiner Anſicht nach der »Neidhard« voll iſt, verſtändnisvoller gegenüberſtehen dürfte als die Hindenburgiſche. Oder ſoll ich das kühne Experiment wagen, den »Neidhard«, ſobald er wieder in meinen Händen iſt, neuerlich zuſammenzupacken und dem Burgtheater mit der Verſicherung einzureichen, daß er dem chriſtlich-germaniſchen Schönheitsideal entſpricht? Da dieſes angefeindet *durch Nichtverwendung babyloniſcher Motive negativ determiniert iſt, iſt’s ſehr wohl möglich, daß der antichriſtlich-antigermaniſche »Neidhard« ſeine volle Erfüllung bedeutet. Der Spaß wäre nicht ſo übel, und hätte ich nicht zu befürchten, daß in Folge des zu erwartenden Anſturms aller germaniſchen Chriſten und der dadurch bewirkten Ueberlaſtung des Lektors der arme »Neidhard« nie weit über die bevorſtehende Wiedergeburt Öſterreichs hinaus im Archive lagern bliebe, ich wagte wirklich gerne den Verſuch. –
Nehmen Sie, hochverehrter Herr Doktor, neuerlich meinen Dank für Ihre liebenswürdige Bemühung entgegen (wie geſagt, ich ſchäme mich meines unumbringbaren Pechs) und empfangen Sie die ergebenſten Grüße von Ihrem
Robert Adam
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar
    ἓν διὰ δυοῖν]
    (altgriech.) eins mit zwei. Ausdruck der Rhetorik, bei dem ein neuer Begriff aus zwei Wörten gebildet wird, wie hier »Poesie und Lyrik«.