Robert Adam an Arthur Schnitzler, 24. 9. 1916



*Wien, am 24. September 1916

Hochverehrter Herr Doktor!

Ich vermute Sie, nach einem ſchönen und erholungsreichen Sommer, ſchon wieder nach Wien zurückgekehrt und bin, Ihrer liebenswürdigen Erlaubnis eingedenk, auch schon unbeſcheiden genug, anzufragen, ob ich Sie einmal durch einen Beſuch ſtören darf?
Mir iſt die Zeit ſeit Ende meines Urlaubs unter unausgeſetzter und ſehr anſtrengender Amtsarbeit vergangen, und wenn Sie mich fragen ſollten, was ich in dieſen Monaten Dichteriſches geleiſtet, ſo müßte ich ſehr kleinlaut werden. Ich habe allerdings an einer *ſonderbaren Märchenkomödie zu ſchreiben begonnen, aber kraft- und zuglos, gewiſſermaßen unter de im drückenden Bewußtſein der Unterernährtheit, nur an freien Sonntagnachmittagen: und daß dabei nichts Erſprießliches herausſchauen konnte, iſt gewiß klar.
(Dafür habe ich in den letzten Tagen ein leibliches Kind gekriegt, einen Buben, der anſcheinend gut gedeiht, und damit darf ich mich tröſten).
Ich bin Ihnen für viele Bücher, die Sie mir anrieten, großen Dank ſchuldig: vor allem für den Coster’ſchen Uhlenspiegel und den Jean-Christophe (ich halte ſchon beim erſten Bande). Auch den »Deutſchen Krieg« der Ricarda Huch habe ich zu zwei Dritteln geleſen, mit großer Hochachtung für den phantaſievollen Geiſt, der den Canvas der pragmatiſchen Geſchichtsſchreibung mit *farbigen Bildern gediegenſter Ausführung beſtickt hat; aber ich kann mir halt nicht helfen, ich komme über den Eindruck einer – gewiß vorzüglichen und nie geſchmackloſen – Handarbeit nicht hinaus hinweg, allerdings der umfangreichſten und mühevollſten Handarbeit, die ich noch je geleſen habe; ich muß hinzufügen: auch der originellſten.
Eines der Bücher von Lenotre (deſſen Bekanntſchaft ich auch Ihnen verdanke) leſe ich gerade: Bleus, Blancs + Rouges und werde gewiß auch die andern leſen; in dem Zitierten iſt ein wunderſchöner Komödienſtoff zu finden (Le mariage de Monsieur de Bréchard). Unangenehm berührt mich nur die prononzierte Parteinahme des Autors, der ein erzkatholiſcher Royaliſt ſein muß, für jeden Antirevolutionär und gegen jeden Terroriſten: die zur Folge hat, daß ſeine hiſtoriſchen Novellen nur Engel und Teu*fel zu Helden haben.
Wegen der Memoiren von Alexandre Dumas Père habe ich vergeblich die Wiener Buchhandlungen beſucht; ich weiß ſicher, daß ich ein Exemplar bei Sommerbeginn in einer Auslage ſah; es muß ſeither verkauft worden ſein. Selbſtverſtändlich ſteht Ihnen, hochverehrter Herr Doktor, mein Exemplar jederzeit zur Verfügung. Darf ich es Ihnen ſchicken?
Ich freue mich ſchon ungemein darauf, Sie wiederzuſehen: ohne Ihre Teilnahme, das fühle ich, wäre ich ſchon längſt entmutigt von allen Dichterplänen abgekommen und zum einfachen Wiener Bezirksrichter mit einigen Gelehrſamkeitsaſpirationen geworden. Und vielleicht bringe ich, wenn nur erſt dieſer Krieg vorüber iſt, doch noch etwas Anſtändiges zuwege.
Mit den freundlichſten Grüßen Ihr ergebener
Robert Adam
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