Robert Adam an Arthur Schnitzler, 1. 6. 1915



*Ziſtersdorf, am 1. Juni 1915

Hochverehrter Herr Doktor!

Sie haben an mehreren meiner literariſchen Produktionen, zuerſt an der »Geſchichte des Alî ibn Bekkâr«, dann am »Neidhard« und zuletzt an der Studie »Fatme«, einen mich derart ermutigenden Anteil genommen, daß ich es heute wage, Ihnen die beifolgenden ſechs Szenen, die ich unter dem Titel »Der Fremde« zuſammenfaſſen möchte, mit der ergebenen Bitte zu überſenden, Sie möchten dies von mir ſelbſt nicht allzu geſchickt und ebenmäßig angefertigte Manuſkript einer Durchſicht würdigen und, falls Sie der Inhalt nicht abſtößt, Ihrer Manuſkript-Sammlung einreihen.
Dieſe ſeltſame Bitte richte ich deswe*gen an Sie, hochverehrter Herr Doktor, weil ich nicht bloß wegen der Zeitverhältniſſe und wegen des Mißgeſchicks, das mich bei jedem Verſuch, in die Deutſche Literatur einzudringen, beharrlich verfolgt, ſondern wegen des beſonderen ärgerlichen Inhalts der vorliegenden Arbeit kaum hoffen darf, ſie in abſehbarer Zeit in Buchform zu leſen und Ihnen ſenden zu können, anderſeits aber mein ſehnlicher Wunſch dahin geht, eine Produktion, die mir ſelber ſehr am Herzen liegt, dem Manne zur Verfügung zu ſtellen, an deſſen Urteil und Würdigung mir am allermeiſten gelegen iſt.
Hinzu kommt noch die Erwägung, daß ſich »Der Fremde« der Idee nach als drittes Stück der »Geſchichte des Alî ibn Bekkâr« und dem »Neidhard« anreiht, die Sie, hochverehrter Herr Doktor, bereits kennen, indem er den Gedankenkreis der beiden Komödien abſchließt, und daß es mir daher angelegen ſein muß, Ihnen auch das letzte Stück, das ſich mit *dem Problem der Liebe beſchäftigt, mitzuteilen. Daß es eine ſonderbare Art Drama darſtellt, muß ich zugeben: der äußeren Handlung nach – wenn von einer solchen bei ihm überhaupt die Rede ſein darf – mag es ſich wie die Expoſition einer Tragödie ausnehmen, der Idee nach aber iſt die Tragödie in ihm bereits abgeſchloſſen – die Tragödie oder die Komödie, wie man’s nehmen mag. –
Verzeihen Sie mir, wie nun ſchon ſo oft, auch diesmal meine Zudringlichkeit und genehmigen Sie die Verſicherung meiner Dankbarkeit und Hochachtung.
Ihr ſehr ergebener
Robert Adam
(Dr Rob. Ad. Pollak,
kk. Bez. Richter,
Ziſtersdorf)
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