Arthur Schnitzler an Georg Brandes, 8. 1. 1915

Herrn
Georg Brandes

8. 1. 15

verehrter lieber Freund, ich danke Ihren für Ihre Karte und freue mich auf Ihr Goethebuch. Mit welcher Ergriffenheit denk ich noch heute Ihres Shakespeare – des Schlusses besonders – in dem Sie – so schien mir damals – Ihr Allereigenstes – viel selbstdurchlittenes hineingeheimnist hatten!
– Auch ich versuche meinen Kopf aus diese düster-wirren Zeit in phantastischere Lüfte emporzustecken; aber es gelingt nicht immer, uns rühren gar zu viele Wirbel an; man sieht, hört zu vieles, spricht mit Heimgekehrten, Hinausziehenden, – möchte irgendwie das seine thun – wärs auch nur für spätre Zeiten;– aber solange die Politik noch nicht Geschichte geworden ist, ist der Blick nicht hell genug. – Von Ihren letzten Artikeln ist mir nur ein erschütternder über die Juden in Polen vor Augen gekommen. Ich wünsche Ihnen zum neuen Jahr weitre Arbeitsfreudigkeit, und für Ihre Lieben alles gute – und für uns alle eine bessre Zeit der Gerechtigkeit, der Einsicht, des Friedens! Wir grüßen Sie von Herzen! Ihr
Arthur Schnitzler