Arthur Schnitzler an Georg Brandes, 20. 10. 1914



*Dr. Arthur Schnitzler
Wien XVIII. Sternwartestrasse 71
20. 10. 1914.

Lieber und verehrter Freund.

Erst heute danke ich Ihnen für Ihren Brief vom 23. August d.J., der immerhin schon am 10. September bei mir eingetroffen ist. Wie lächerlich muss Ihnen mein Schreiben aus Celerina erschienen sein, das schon mitten in den Stürmen des Weltkrieges bei Ihnen eintraf; kam es doch mir selbst schon am Tage, da ich es absandte, recht unzeitgemäss vor. Aber die Gründe, die mich bewogen es doch nicht zurückzuhalten habe ich Ihnen ja doch schon damals dargelegt, und ich kann heute wirklich nur um Entschuldigung bitten, dass ich Sie in solcher Zeit überhaupt mit einem Privatwunsch bemüht oder wenigstens gelangweilt habe. Wenn aber auch Privatwünsche jetzt notwendig und gerne zum Schweigen verurteilt sind und jedes Privatinteresse irgendwie und irgendwo mit dem Allgemeininteresse verbunden scheint; es führt *doch jeder, ob er nun will oder nicht, auch seine Privatexistenz weiter und man gibt am Ende der Zeit auch etwas, indem man sich selber zu bewahren sucht, so weit es ohne Schaden für die Allgemeinheit möglich ist. Allzu viele sieht man heute, die in einem ins Leere gewandten Betätigungstrieb sich nutzlos verschwenden und Neigung zeigen sich einem äussern oder innern Beruf zu entfremden, innerhalb dessen, beimdurch den Versuch ruhiger Weiterarbeit, sie die Sache ihres Vaterlandes, wenn auch nur mittelbar, aufs Beste fördern könnten. Freilich ist es eine sehr begreiflichedie Sehnsucht von Vielen, die nicht gerade in der Front stehen, oder sonstwie zu Kriegsdienstleistungen herangezogen sind, am allgemeinen Schicksal in deutlicherer Weise teilzunehmen, als es sich durch Fortführung ihrer Friedensarbeiten offenbaren würde, und man kann sagen, dass auch auf diese Art heute viel Gutes, besonders auf dem Gebiete der Wohltätigkeit,geleistet wird.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass *Dänemark, sowie die andern neutralen Staaten, mehr von dem für Deutschland und Oesterreich Ungünstigen als von dem Günstigen zu lesen bekommt. Wir sind hier jedenfalls immer wieder von Neuem starr über die ungeheuerlichen Lügen, die in der ausländischen Presse nicht nur von den Ereignissen im Feld, sondern auch von den inneren Zuständen unseres Landes verbreitet werden. Obwohl ich annehmen kann, dass Sie im Ganzen leidlich orientiert sein werden, so möchte ich Ihnen doch jedesfalls mitteilen, dass in Wien, im Gegensatz zu den Gerüchten von Teuerung und dergleichen, völlig geordnete Zustände herrschen, dass beinahe nirgends nennenswerte Preissteigerungen erfolgt sind, dass die ökonomischen ZuständeVerhältnisse hier nicht nur nicht schlechter, sondern besser sind als im vorigen Jahr, dass für die Arbeitslosen, deren Zahl, wie mir selbst ganz merkwürdig erscheint, in diesen Jahr nicht grösser sein soll als im vorigen, von öffentlicher und privater Seite ausreichend *gesorgt wird, dass alle Theater spielen, die meisten bei sehr gutem Besuch, und dass einem das ganze Elend des Kriegs eigentlich nur dort vor Augen tritt, wo die einzigen, bisher unbezweifelbaren Resultate desselben zu sehen sind, nämlich in den Spitälern, wo die Verwundeten liegen .  .  Aber auch von dort bringt man keineswegs ausschliesslich trübe Eindrücke nach Hause. Denn beinahe alle Soldaten und Offiziere, die vom Kriegsschauplatz nach Hause kommen, auch wenn sie sehr Grauenhaftes zu erzählen wissen, sind von grosser Zuversicht erfüllt, ja, sie waren es auch schon zu einer Zeit, wo die Stimmung der Bevölkerung in manchen Kreisen zu wünschen übrig liess. Aber auch das ist in den letzten Wochen, in denen durchaus gute, glaubwürdig gute Nachrichten bei uns eintreffen, anders geworden und diese Hoffnungsfreudigkeit ist im äussern und innern Leben unserer Stadt nicht zu verkennen.
Ich wünschte sehr zu erfahren, ob *Sie von Ihrem im Feld stehenden Schwiegersohn Gutes hören. Was uns bisher die Feldpost bisher gebracht hat, so weit es sich auf persönliche Bekannte und Freunde bezieht, ist von beruhigender Art gewesen.
Vor Voraussagen wollen wir uns hüten; unsere Wünsche sind zu selbstverständlich, als dass wir sie erst aussprechen müssten. Und doch, wieviel Unheil, nicht nur für Schuldige, sondern auch für Unschuldige flehen wir, nicht einmal ganz gedankenlos, durch unsere Wünsche herab. Ja, nach den Einrichtungen dieser Welt ist sogar zu befürchten, dass mancher von den Allerschuldigsten ganz ohne Strafe ausgehen wird. Aber ziemt es sich denn in dieser überwältigend grauenhaften Epoche derartige Worte wie Schuld, Strafe, Verantwortung, zu gebrauchen, a? Alles Philosophische und Ethische verlischt im Sturmhauch der Geschichte.
Bitte schreiben Sie mir bald wie es Ihnen geht. Meine Frau und ich grüssen Sie herzlichst
[hs.:] Ihr
Arthur Schnitzler
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