Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, [13. 6. 1914]

Rodaun, Samstag

mein lieber Arthur

ich höre, Ihr seid von Eurer großen Reise wohlbehalten zurück, und wir haben den herzlichen Wunsch Euch zu sehen!
Ich war indessen in Paris, hatte dort recht trübe niedergeschlagene Tage (von innen heraus, und in solchen Zeiten ist mir eine große fremde Stadt nicht günstig), traf dann meinen Vater in Frankfurt, brachte ihn nach Nauheim, wo die Cur ihm, wie es scheint, recht wohl tut. – Wie könnten wir uns sehen, Arthur? Wir sind sicher noch die ganze Woche da bis zum 22ten etwa. Wir haben aber keine Möglichkeit des Übernachtens mehr in der Stadt. Wenn Ihr wie neulich die Bären, zu einem gemeinsamen Nachtmahl nach Hietzing kämet – und etwa schon um 7 oder so dort wäret, rendezvous vor dem Parkhôtel, dass man vorher eine Stunde miteinander im Schönbrunner Park herumginge oder säße – das wäre sehr schön. Schreiben Sie eine Zeile, jeder Tag wird uns recht sein.
Noch eines, da Sie ja mein eigentlicher Hausarzt sind. In der (irrigen) Idee von etwas Gicht ließ ich eine Analyse machen; sie ergab nichts Pathologisches, nur: Traubenzucker, nur in Spuren, quantitativ nicht nachweisbar. Mein hiesiger Landarzt, der recht gescheidt, nur etwas summarisch ist, sagt, das käme bei vielen Leuten vor, habe gar nichts auf sich, bedeute durchaus nicht einen Anfang oder eine Andeutung dieser Krankheit. Ist das richtig?
Von Herzen Ihr
Hugo.
PS. Meine oben gemeldete Niedergeschlagenheit hat nichts mit Hypochondrien zu tun, die mich durchaus nicht beschäftigen; obige Analyse kam mir erst gestern vor Augen.
    Reise]
    Sie waren von 1. 5. 1914 bis zum 7. 6. 1914 unterwegs, die meiste Zeit mit dem Schiff von Italien in die Niederlande.
    in Paris]
    Von 9. bis zum 20. 5. 1914, wobei die Heimkehr erst am 30. stattfand.
    bis zum 22ten etwa]
    Erst eine Woche danach übersiedelten sie nach Aussee.