Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 28. 3. 1914



*Wien, 28/3 914
mein lieber Hugo, ich danke Ihnen ſehr für Ihre Gratulation zum Raimundpreis; und will Ihnen für alle Fälle gleich ſagen, daſs Sie mir gewiſs nicht zum Schatten geworden ſind und es niemals werden können. We unſre Beziehungen ein wenig loſer geworden ſind, oder beſſer geſagt, ſich eben in einer loſeren Epoche befinden, ſo iſt daran wohl mehr äußeres als inneres ſchuld, i und daſs Sie eher geneigt ſind, nach mir zu rufen als ich nach Ihnen liegt wohl hauptſächlich daran, daſs Sie oft »ſowieſo« nach Wien koen, ich aber nie »ſowieſo« nach Rodaun – ferner daran: daſs wir’s uns beide, wohl aus unſrer Natur heraus ſo und nicht anders eingerichtet haben. Und ſo käm ich jetzt wohl auch auf den Semmering – we mir die Wetterverhältniſſe um dieſe Zeit oben nicht ſo unangenehm wären. Ändert ſichs noch beträchtlich, ſo meld ich mich vielleicht. Andernfalls möcht ich Sie im Thal ſo bald es angeht, ſehn; denn ich glaube, *Sie haben das Bedürfnis mir von Ihrer neuen Arbeit was zu erzählen – und ich rechne es wie Ihnen nicht unbekannt iſt, immer zu meinen beſten Stunden, we Sie ſich zu mir über Ihre Sachen ausſprechen. Und aus ſolchen Stunden ſcheiden wir, wie Sie wohl auch ſchon oft gefühlt haben, ſo in beſten Sien verbunden, daſs ein Auseinanderlaufen äußerer Lebenslinien für das weſentliche unſrer Beziehungen hinauf längre Zeit hin ohne Bedeutung, we auch oft mit einiger Wehmut zu empfinden bleibt. Im ganzen aber glaub ich, trotz aller Ehrfurcht vor dem Geſetz der Entwicklung, immer mehr an die Conſtanz der menſchlichen Beziehungen ſowie an die der Menſchen: was aus uns und aus andern wird, hat Ahnung längst vorausempfunden, und jeder Wolkendunſt unſrer Jugend, der ſich harmlos zu verziehen ſchien, kot irgend einmal als Gewitter wieder. Von dieſem Ausflug ins Allgemeinere oder Halbwahre kehre ich in die Realität gerne wieder, wo ich Sie ſehr bald, und ich hoffe in beſſerer Stiung als Ihr Brief mir vertraut, zu ſehn u ſprechen wünſche.
Herzlichſt Ihr
Arthur.
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