Arthur Schnitzler an Hermann Bahr, 22. 4. 1913

Dr. Arthur Schnitzler 22. 4. 1913.

Lieber Hermann.

Ich habe nun Altenberg, seinen Bruder und seinen Arzt gesprochen und glaube ein klares Bild von der ganzen Sache zu haben. Altenberg ist vor zirka 4–5 Monaten wegen eines akuten alkoholischen Irreseins nach Steinhof gebracht worden. Die schweren Erscheinungen, Verfolgungsideen etc., die, erst in der Anstalt selbst auftraten, dürften (was mir ärztlicherseits allerdings nicht gesagt wurde) auf die plötzliche vollkommene Abstinenz zurückzuführen gewesen sein (die man jetzt, ich weiss nicht recht warum, statt der früher geübten allmählichen Entwöhnung in vielen Fällen anwendet). Ich habe Altenberg geistig frischer gefunden als seit langer Zeit, nur eben sehr erregt, weil er schon gerne auf den Semmering möchte. Freilich besteht die Gefahr, besser die Sicherheit, dass er ohne ärztliche Aufsicht sofort wieder zu trinken und bald auch wieder alkoholisch zu exzedieren anfängt. Diese Gefahr wird aber gerade so wie heute in acht Tagen, in vier Wochen und in einem halben Jahr bestehen. Dazu kommt, dass seine steigende Erregung wegen der Internierung in Steinhof seinem allgemeinen Zustand kaum förderlich sein dürfte. Dies alles habe ich auch Peter Altenbergs Bruder gesagt, und da der Chefarzt gegen P. A.’s Entlassung nichts einzuwenden hat, wenn der Bruder die Verantwortung übernimmt, (man muss allerdings fragen, wofür?), so dürfte P. A. in wenigen Tagen die Reise auf den Semmering antreten können. Der Bruder möchte nur, was ich sehr vernünftig finde, dass P. A. wenigstens anfänglich nicht im Hotel, sondern im Kurhaus, also unter recht bescheidener ärztlicher Aufsicht wohne. Für den Fall, dass sich das nicht durchführen liesse, wäre auch die Begleitung durch einen Wärter in Erwägung zu ziehen. P. A. möchte selbst sehr gern seinen Wärter aus dem Sanatorium für ein paar Tage mitnehmen, wenn dem nicht, wie es den Anschein hat, von Seiten der Anstalt Schwierigkeiten entgegengesetzt würden. Es hat meiner Ansicht nach wirklich keinen Sinn Peter Altenberg länger in Steinhof zu halten, wenn auch kaum zu bezweifeln ist, dass nach einiger Zeit ihm ein neues Delirium und wahrscheinlich eine neuerliche Internierung, die ja dann der Umgebung wegen nicht zu vermeiden ist, bevorstehen dürfte. Von den Degenerationserscheinungen, die man nach allerlei Gerüchten hätte befürchten können habe ich bei Altenberg nicht das Geringste bemerkt, und ich glaube, wenn auch vielleicht die plötzliche Abstinenz zu Beginn der Anstaltsbehandlung nicht ausschliesslich von Vorteil für ihn gewesen war, – die geänderte Lebensweise im weiteren Verlauf und alles was damit zusammenhängt hat ihm sicher nur gut getan. Was natürlich kein Anlass ist den Aufenthalt ohne Notwendigkeit zu verlängern.
Herzlichen Gruss
Dein
Arthur
Herrn Hermann Bahr, Salzburg.
    nun Altenberg, seinen Bruder und seinen Arzt gesprochen]
    am 20. 4.
    exzedieren]
    übertreiben.
    plötzliche]
    hs. Unterstreichung