Robert Adam an Arthur Schnitzler, Briefentwurf, 15. 4. 1913



*Ziſtersdorf, am 145. April 1913

Hochverehrter Herr Doktor!

Ich mache von Ihrer liebenswürdigen Erlaubnis Gebrauch und überſende Ihnen das Manuſkript dervon »Fatme«.
Hiebei muß ich Sie vor allem deshalb um Nachſicht bitten, weil die Schreibmaſchinenabſchrift keineswegs ſoverſchiedener leidiger Umſtände halber nicht recht preſentabel ausgefallen iſt wie ich ſie erwarte. Beſonders der blaue Druck der erſten Hälfte iſt mir herzlich unangenehm. Trotzdem ſende ich Ihnen dies und und nicht das Durchſchlagsexemplar, da letzteres doch weniger deutlich iſt.
Und dann bitte ich Sie betreffs der »Fatme« ſelbſt wegen um Duldung. Ich nenne ſie eine »Studie«; ich wage es nicht, ſie eine dramatiſche Studie zu nennen. Die beſte Bezeichnung wäre vielleicht: ein Konglomerat. Wenn ich mir die Frage erwägeſtelle, ob dies KonglomeratSammelſurium Gemengſel von Phantaſie, Phantaſterei, Theorie, Ökonomie, Satire, Erlebnis, Roſinen, GeſellſchaftsKritik-Charakteririſierungs- und Dramenanſätzen Sie intereſſieren werde – ſo zweifle ich über die Antwort; ja ich verzweifle geradezu. Ich möchte faſt wünſchen, ich hätte mich wegen dieſes höchſt undramatiſchen Miſchlings von Ernſt und Spott der betr. doch jedem Akt, ja jeder Szene nicht einer Spezialexpoſition eröffnen muß bedarf wegen nicht an Sie gewendet, da ich ſehr befürchte, eine etwa gute Meinung, die Sie von meinem Geſchmack u. techniſchen Geſchick haben könnten, dadurch ihn zu tötenvernichten, und ich wünſchte, ich hätte die Vollendung einer weniger exotiſchen u. ſtrafferen Komödie »Geſellſchaft«, an der ich jetzt arbeite, abgewartet, anſtatt mich »Fatme« gewiſſermaßen zu würfeln.
Was dieſe betrifft, möchte ich zur Aufklärung nur ſagenbeifügen, daß ich urſprünglich die einfache Dramatiſierung einer Erzählung Wells A story of the Days to come[«] in Tales of Space and Time and Space) beabſichtigteim Auge hatte, dann aber, beim Überdenken des Stoffes überdenkend zur Anſicht gelangte mich vor dem ××××weg & die Notwendigkeit geſtellt ſah, ich möchte deneinen ganzen Zukunftsſtaat, anſtatt den Wells’ſchen Zukunftsſtaat einfach anzunehmenals gegeben, nach gänzl zu akzeptieren, in einen Staat zu verlegen, der meinen eigenen Anſichten raus zu von einer möglichen Entwicklung der ſozialen Verhältniſſe beſſer entſpräche. So mußte ich für den gegebenen Stoff einen eigenen Zukunftsſtaat konſtruieren; und kaum *war damit begonnendies geſchehen, ſo ſah ich auchergab ſich die weitere Notwendigkeit vor mir, auch mit dem Wells’ſchen Stoff zu brechen und formte meinen eigenen, wie er meinem Staat entſprach.und die Fabel meinem Staate anzupaſſen. So iſt Fatme die Story of the Days to come; Alſo wurde zuerſt das Feſt, dann diedasſelbe Meſſer, doch mit anderem und andrer Klinge des Meſſers geändert
Sollten Sie, hochverehrter Herr Doktor, der Studie kein Intereſſe abnötigengewinnen können, ſo bitte ich Sie, mir wegen ihrer Ueberſendung nicht zu grollen und mir zu erlauben, ſie ſpäter gegen die »Geſellſchaft«, die jedenfalls weniger Sammelſurium werden wird, umzutauſchen.
Ich verbleibe mit den ergebenſten GrüßenIhr
RA
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    Eine Fassung des Briefes wurde am 15. 4. 1913 abgesandt, wie aus dem unmittelbar auf den Entwurf folgenden Tagebucheintrag hervorgeht.