Stefan Großmann an Arthur Schnitzler, 5. 2. 1912

Hotel

Vier Jahreszeiten

Telegramm-Adresse: Jahreszeitentyp, München.

Lieber’s Code – International Hôtel-Code.

Telefon 23073–23076

München, 5 Februar 1912

Auf der Durchreise.
Nachdem ich nun in München »Das weite Land« mit Hrn Steinrück sah, möchte ich Ihnen, verehrter Herr Schnitzler, – wiewohl Sie gewiss auf diese Correctur gar kein Gewicht legen – sagen, dass ich nun erst das Werk wirklich gefühlt habe und das verfluchte Zeitungshandwerk anklage, welches Einen zwingt, im Handumdrehen ein paar leicht-fertige Dinge innerhalb einiger Stunden über eine Dichtung zu sagen.
Durch Hrn Steinrück sah ich erst, wie viel menschliche Stärke im Hofreiter steckt, wie viel sittliche Energie bei aller Freiheit, wie viel Willens-training bei aller Ungebundenheit.
Das verdammte Gesetz der Nähe verwirrt Einen oft, ich sah nur das Äußerliche, die Wiener Nichtsthuer-atmosphäre, das war oberflächlich und anmaßend.
Es liegt mir daran, Ihnen zu sagen, dass ich das Werk gestern mit einer Art Bangen mitgefühlt habe und einen tiefen, nicht schnell zu verwischenden Eindruck nach Hause trage.
Ich schreibe Ihnen dies mitten auf einer Forschungsreise nach Talenten durch ganz Deutschland und nur deshalb, weil ich mir durch dieses Geständnis eine erleichterte Viertelstunde machen will.
Sehr ergeben:
Stefan Großmann
    leicht-fertige Dinge]
    Seine Kritik fasste er am Ende der Rezension der Uraufführung (st. gr.: Schnitzlers »Weites Land«. Erste Aufführung im Burgtheater. In: Arbeiter-Zeitung, Jg. 23, Nr. 284, 15. 11. 1910, S. 3–4.) zusammen: »Das Publikum nahm das übergrübelte Schauspiel mit großem Interesse auf und gab sich auch den zarten, eigentlich novellistischen Reizen der Dichtung mit außerordentlicher Bereitwilligkeit hin. Nach jedem Akt wurde Schnitzler hervorgerufen und dankte in etwas müder Haltung.«