Georg Brandes an Arthur Schnitzler, 19. 10. 1911

Kopenhagen (nicht Havnegade)
19 Oct 11

Mein verehrter Freund

Ihr Schauspiel und Ihr Brief haben mir beide tief bewegt. Der Brief, weil er so herzlich war und weil ich, seit lange von allerlei Unglück und Missgeschick verfolgt, für Herzlichkeit sehr empfänglich bin, das Schauspiel, weil es mir das Werk eines Meisters scheint, vollreif.
Diese Menschen, die Sie dort darstellen, stehen uns vor Augen als wirkliche Individualitäten, voll und rund und originell, mit Eigenschaften und Eigenheiten, die ein Ensemble ausmachen. Die Nebenfiguren wie Natter, oder die amüsant Karikierten, wie Rhon und Serknitz, sind nicht weniger unvergesslich als die tiefsinnig studierten und räthselvollen wie Friedrich, Genia und die eine ganze Seele, Erna. Ich würde nichts darüber schreiben können, das etwas hinzufügte an die Wirkung, und nichts, das irgend etwas erklärte, denn alles erklärt sich von selbst.
Sie lieben es, die Nebentriebe und Nebenpassionen zu verfolgen, die Sprünge und Seitensprünge des Gefühlslebens, alles Getheilte, das von dem Hauptstamm sich ablöst, auszubreiten. Die Welt, so gesehen, ist auf eine specielle Weise traurig. Meiner Gefühlart nach wäre, um das Bild zu supplieren, auch das Erhebende, das ab und zu, wenn auch sehr selten, uns begegnet, ich meine: das, was das Leben erträglich macht, mit in Rechenschaft zu ziehen. Ich bin, glaub ich, im Ganzen pessimistischer als Sie, aber dennoch empfind ich einige Ruhepunkte, und man muss das, soll man sich nicht tödten. Man muss z. B. Jemand vertrauen können; in der hier vorgeführten, sehr reichen und schillernden Welt, ist aber jedes Vertrauen unmöglich; alle arbeiten sich von ihren Neigungen und Bänden los.
Haben Sie Dank, dass Sie sich um das mir unbekannte Frl. Prozor bemühten, und dass Sie ihr so nützlich waren.
Sie irren sich wenn Sie glauben, ich möchte nicht gern nach Wien kommen. Im Gegentheil Wien hat immer für mich eine grosse Anziehungskraft gehabt; ich habe dort sehr angenehme Stunden verlebt, besonders – es ist lange her – in 1885, als ich den alten Gompertz kennen lernte. Später einmal, ich weiss nicht wann, es ist wohl 20 Jahre her, luden Sie sich zu mir ein, und es war bei Ihnen eine Herrengesellschaft spät Abends, wo viele, die später berühmt geworden, zusammen waren: Hoffmannsthal, Wassermann, und andere. Sonst habe ich in Wien nur bei Gompertz Menschen gesehen. Ich kenne ja Niemand dort. Aber ich bin in der Regel wie in einem Schraubenstock; ich kann nicht fort, wenn ich wollte, was zu weitläufig zu erklären ist. Leichter zu erklären ist, dass ich eigentlich nie Geld zu meinen Reisen habe. Aus Deutschland bekomme ich nie einen Pfennig, habe dort seit lange nicht einmal mehr einmal einen Verleger und stehe mit keiner Zeitung in Verbindung. In Dänemark verdiente ich durch ein Buch im Jahr 10375 Kronen, aus England bekomme ich als Royalty für ein Dutzend Bände jährlich 400 Kronen. – Ihre Einnahmen werden sich glücklicherweise anders gestalten.
Ich habe das Glück gehabt, meine Mutter etwas länger zu behalten als es Ihnen gestattet wurde. Die Mutter ist ja vielleicht das einzige unbedingt sichere, das wir zum Vertrauen haben, um so unersetzlicher. Sie müssen jetzt 50 Jahre alt sein, ich bin in wenigen Monaten 70, deshalb einigermassen isolirt, obwohl mein Temperament dasselbe geblieben.
Ich drücke Ihre Hand in alter Ergebenheit
Georg Brandes
    Herrengesellschaft]
    Brandes dürfte auf den A. S.: Tagebuch, 22. 3. 1900 anspielen, wenngleich Hofmannsthal im Tagebuch nicht explizit genannt ist.