Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 7. 11. 1910

Montag früh.

mein guter lieber Arthur

es tut mir so tief schmerzlich leid Ihnen weh getan und Sie geärgert zu haben – und wenn sich das Ganze auch (wie Sie sehen werden) gar nicht in der Wirklichkeit abgespielt hat – so haben Sie darum nicht minder eine unangenehme Stunde durch mich erfahren, haben sich, müde und enerviert nach einer langen Probe, hinsetzen und mir diesen begreiflichen und berechtigten Brief schreiben müssen – dies alles tut mir so furchtbar leid, gestern und heute nacht, gegen Morgen, jedesmal zur gleichen Stunde, wache ich auf und denke an Sie und Ihre Verstimmung gegen mich mit einem so grässlichen Gefühl – gestern nachmittag wollte ich zu Ihnen, hatte aber wirklich zu sehr Angst, dass wir uns, wenn auch nur für einen Augenblick, verdüstert gegenüberstehen sollten – so schreibe ich lieber und bitte Sie vor allem herzlich, mir diese unglückliche Sache zu verzeihen und ie soweit als möglich aus Ihrem Gedächtnis zu verbannen.
Meine unglückliche Feder hat etwas sehr Ungeschicktes hingemalt aber die hässliche Härte und Rohheit, die Sie herausgelesen haben, war es nicht –: das hatte ich weder gethan noch vermeinte ich, Ihnen auch extra noch nach Jahren mitzuteilen, dass ich es getan hätte. Nein! sondern: wenn ich schrieb »halb absichtlich, halb unabsichtlich« so meinte ich einen jener Schwebezustände des Willens, zwischen Bewusst und Unbewusst, aber doch ziemlich tief im Unbewussten, dem Freud in der Psychopathologie des Alltagslebens ganze Nester und Ketten sehr geistreich nachgewiesen hat, jenes scheinbar völlig unbewusste fallen lassen eines Bildes, weil man gegen die Person, die das Bild darstellt, etwas verborgenes Böses auf dem Herzen hat, – kurz eine Tat, die vor keinerlei Forum gezogen werden kann, kaum vor das des allerzartesten eigenen Gewissens, so sehr verbirgt sie sich ins Dunkel des Unbewussten – und wenn ich das heute ausspreche, so nehme ich jenen intim erregten Zustand gegen das Buch eben heute historisch, fühle mich frei davon und darf darum gerade aus Ihrer Hand mit allem, auch dem zartesten Recht, ein neues Exemplar erbitten. Dass ich ein Exemplar mit einer Zueignung im bürgerlichen Sinn ebenso wenig in der Eisenbahn liegen lassen wollte als meinen Regenschirm oder Spazierstock, das lieber Arthur, bitte ich Sie, zu glauben.
So. Ich habe dies ausgesprochen, weil ich finde, dass man in so zarten Dingen, wie Freundschaft und Liebe, auch das auf sich nehmen muss, was man hätte begehen können. Und dass ich ein solches symbolisches Liegenlassen des Buches damals hätte vollbringen können, glaube ich darum, weil ich mir eben eingebildet hatte, ich hätte es wirklich in der Eisenbahn verloren. Nun weiß ich seit gestern, dass gar nicht ich das Buch verloren habe, sondern Gerty, die darüber natürlich sehr unglücklich war, eben der Widmung wegen, vergeblich bei Conducteuren und Stationschefs sich bemühte es wiederzubekommen und es aber nicht wiedererlangen konnte.
Es war also eine Gedächtnis-täuschung meinerseits, und die unglücklichen Worte jener Nachschrift aus Graetz haben sich auf ein Doppelt-nichtgeschehenes bezogen, auf den Schatten eines Schattens oder noch weniger.
Also seien Sie mir wieder gut, mein lieber Arthur, und glauben Sie weiter, was Sie zu glauben, denke ich, nicht aufgehört haben, dass es sehr wenige Menschen auf der Welt geben wird, die das Ganze Ihres menschlichen und künstlerischen Daseins mit so großer Freude und Liebe, und so viel Dankbarkeit für das unbegreifliche Phänomen der »Gleichzeitigkeit« erfassen, als Ihr
Hugo.
    unbewusste fallen lassen eines Bildes]
    Vgl. das 8. Kapitel (Das Vergreifen) von Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1904).