Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 2. 11. 1910

Schluss des Briefes vom 2. 11. 1910.

Zu Ihrer Nachschrift habe ich einiges zu bemerken. Dass Ihnen ein Buch von mir künstlerisch oder menschlich zuwider ist, das ist Ihr gutes Recht. Dass Sie es mir sagen Ihre Pflicht. Wie Sie sich zu Andern darüber äussern, Sache Ihres Temperaments und Ihres Geschmacks. Aber dass Sie irgend ein Buch von mir, Ihnen persönlich zugeeignet, lieber Hugo, »halb zufällig halb absichtlich in der Bahn liegen lassen« und dass Sie es notwendig finden mir zwei Jahre nachher davon Mitteilung zu machen, das scheint mir für einen Spass nicht lustig genug und ernst genommen völlig unvereinbar mit unseren künstlerischen und menschlichen Beziehungen, wie ich sie bisher gesehen habe. Drängte es Sie so sehr den Eindruck von damals nachzuprüfen, so hatten Sie es leicht genug diese Absicht durchzuführen, ohne gerade von dem Autor selbst ein zweites Exemplar zu erbitten, dem Autor, gegen dessen erste freundschaftliche Widmung Sie sich in einer so wenig üblichen Weise betragen haben, wie es mir dem verwerflichsten Produkte eines Unbekannten gegenüber niemals eingefallen wäre, der mir die Höflichkeit einer Dedikation erwiesen. Aber wenn Ihr auf Neuerwerbung dieses Buches abzielender Wunsch, der ja gewiss liebenswürdig und taktvoll gemeint war, Ihrer feinen Feder wie unter einem dämonischen Zwang so ganz ins Gegenteil geraten musste, so ist mir das ein Beweis, dass die gewiss nichts weniger als oberflächlichen Gründe für Ihr unglückliches Verhältnis zu meinem Roman auch heute noch fortbestehen und ein Versuch von Ihrer Seite sich zu dieser persönlichsten meiner Schöpfungen in ein neues Verhältnis zu setzen vorläufig nur wenig Aussicht auf Erfolg haben dürften. Und ehe ich mein Kind, wie Sie den Roman mit einer fast über das Bild hinausgehenden Richtigkeit bezeichnen, zum zweiten Mal der Gefahr eines meskinen Eisenbahnunfalls aussetzen möchte, ziehe ich es doch vor es weiter im Unfrieden mit Ihnen leben zu lassen, ein Zustand, bei dem Sie sich meines Wissens geradeso wohl befunden haben wie das liebe Kind und dessen getreuer Vater, der Sie wie immer herzlichst grüsst als
Ihr
    meskinen]
    nach französisch mesquin: dürftig, knauserig.