Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 20. 10. [1910]

Rod. 20. X

mein guter Arthur, vielmals danke ich Ihnen für Ihren Brief und Ihre Depesche nach Neubeuern (wo wir 2 unvergleichlich schöne und wirklich sehr glückerfüllte Herbstwochen zubrachten) für Ihre Hilfe in der Besetzungssache und vor allem für die schönen Stunden, die mir Ihr neues Stück geschenkt hat. Ich glaube, dieses »weite Land« ist wirklich die allerbeste Arbeit Ihrer an guten Arbeiten so reichen zweiten Lebens- oder Arbeitsperiode.
Das Stück gehört so ganz Ihnen, und ist dabei so äußerst kräftig, so wunderschön zusammengehalten. Alle Ihre nicht leicht in einem Athem aufzuzählenden Vorzüge: das so ganz persönliche Lebensgefühl, die höchst besondere Scala der Wertungen, die zarte und sichere Gestaltung, die leichte Hand für die Scenenführung, die Melancholie und der Witz, der höchst nötige bon sens, normaler (aber seltener) Menschenverstand, und dazu das tiefere poetisch-philosophische Zusammensehen und Nebeneinandersehen, die Güte, die Erfahrung und zugleich ein entzückender Mangel an Routine, ein Frisches, Blühendes, Gespanntes überall – dies alles kommt zusammen, um ein Werk herzustellen, das sich in unvergleichlicher Weise im Gleichgewicht hält, weltlich und tief, theatermäßig und philosophisch, amüsant und bedeutend ist. Ich freue mich sehr, es auch noch auf der Bühne zu sehen – doch hab ich es auf der inneren Bühne tadellos besetzt und sehr schön mir aufgeführt.
Kommen Sie vielleicht Samstag zur Generalprobe der Trauerfeier? Das wäre mir sehr lieb. Ich fahre dann noch für ein paar Tage nach Grätz (zu Lichnowskys) dann bin ich ganz hier und lese Euch die Spieloper bei Ihnen, ja?
Ihr
Hugo
P.S. Hab in Neubeuern die »Weissagung« vorgelesen. Sie liest sich wunderschön.
    Trauerfeier]
    In Erinnerung an Josef Kainz am Burgtheater.
    P.S. Hab in Neubeuern die »Weissagung« vorgelesen. Sie liest sich wunderschön.]
    quer am linken Rand der dritten Seite