Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 30. 7. 1910

XVIII. Sternwartestr. 71.

Dr. Arthur Schnitzler
Wien XVIII.

30. 7. 1910!

mein lieber Hugo, Sie sehen: wir sind schon übersiedelt – und das sind auch schon wieder fast drei Wochen her, natürlich gings recht allmälich, und auch jetzt sind wir noch nicht in völliger Ordnung. Aber mein Arbeitszimmer ist längst so wohnlich, dass es kaum einen rechten Grund gibt das Stückeschreiben länger hinauszuschieben. Übrigens war ich zweimal fort, auf dem Semmering, mit Olga u Heini, knapp vor dem Umzug; und jetzt wieder ein paar Tage allein auf dem Semmering, viel mit Brahm zusammen; mit Frau Jonas, mit Kainz (der, wenn alles gut geht, bald wieder eine neue Rolle von mir spielen dürfte.) Vom Semmering aus hab ich eine Fußpartie gemacht (denken Sie, mein Rad hab ich – verschenkt), über den Sonnwendstein, ins Otterthal, über Kirchberg, Aspang nach Mönichkirchen – etwas ganz besonders schönes, von oesterreichischer Unberühmtheit; ich hatte mich jahrelang gesehnt, es kennen zu lernen, so dass es ein Witzwort unsres Hauses, besonders Heinis zu werden anfing; – und als ich es endlich, nach etwa zehnstündiger Wanderung erreichte, – gab es kein Bett im ganzen Ort, so dass ich gleich wieder hinunter fahren mußte – (was in jüngern Jahren gewiss symbolisch empfunden worden wäre.)
Ich hoffe wir reisen heuer doch noch einmal weg, gegen Ende August, – St. Gilgen vielleicht, oder Ischl, aber kaum auf lang, da die Medardus-Proben sehr früh beginnen dürften. Es wäre wirklich schön, wieder einmal ein paar Sommertage miteinander zu verleben; aber dass man sich in Wien so selten, ja nahezu schon gar nicht sieht, ist wahrhaftig nicht meine Schuld allein. Erstens reisen Sie viel zu viel – und wenn Sie von Rodaun nach Wien kommen, erfährt man es doch meistens nur ganz zufällig oder gar nicht. Entschließen Sie sich doch wieder öfter telegrafisch oder sonstwie sich anzusagen oder anzufragen – dann sollen Sie mich kennen lernen! Eine historische Berichtigung: Welsberg ist nicht 4, sondern 3 Jahre her – auch lang genug! Haben Sie meine Karte aus Glion bekommen – was 12 Jahre her ist! – Man kann den Feuilletonisten nicht Unrecht geben: die Zeit verrinnt . . .
Schönen Dank für die gemeinsame Karte mit Friedmanns, u Grüße auch an diese, sowie an Sie u Gerty von uns Beiden. Herzlichst Ihr
A.
    an Sie u Gerty]
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