Albert Ehrenstein an Arthur Schnitzler, 18. 7. 1910

Vradist bei Holics. 18. Juli 1910.

Hochverehrter Herr Doktor,

in der Meinung, meiner Unlust zu jeden Studium lägen äußere Umstände zugrunde, bin ich in die Slowakei gefahren, in eine wald- und reizlose Gegend, in der auch die Menschen nur Land sind, bewegliche Erde, vermodernde Pflanzen. Aber mit dem Lernen geht es auch hier nicht besonders, und so dürfte ich Anfang September wieder in Wien sein. – Wenn das nicht gerade eine Zeit sein sollte, wo Sie durch Proben zu sehr in Anspruch genommen sind, möchte ich Ihnen gerne meine Aufwartung machen. Sehr angenehm wäre es mir aber, falls Sie, hochverehrter Herr Doktor, mir früher, wenn einmal Ihre Möbelwanderungen – Völkerwanderungen sind übrigens mindestens ebenso unangenehm – zu einem Abschlusse gekommen sein werden, etwas über meine Sachen zu sagen die Güte hätten.
Ich glaube nämlich nicht, daß hierbei auch bei mir ein inneres Manco vorliegt, was Gumppenberg andeutete, indem er dem »Grafen Cilli« eine kunstlose, rohe, geflissentlich derbe Sprache vorwarf, der »März«, indem er rein artistische Gebarung meinerseits als Hindernis einer Annahme meiner Arbeiten deklarierte. –
Hochachtungsvoll
Ihr ergebenster
Albert Ehrenstein.
    Gumppenberg andeutete]
    Eine im unmittelbaren Verkehr getätigte Aussage.
    deklarierte]
    Die Ablehnung gleichfalls kein publiziertes Urteil.