Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 13. 7. [1910]

Rodaun 13 Juli.

Mein lieber Arthur,

neulich hatte ich einmal den Gedanken: man wohnt doch in der selben Stadt – so kann man doch ein Mal, wenn man sich wünscht, den andern zu sehen, auch Glück haben, ohne erst einen Brief zu schreiben oder ein Telegramm zu schicken – und als ich dann bei Euch die Treppe heruntergehen musste, war ich unverhältnismäßig traurig. Freilich das einzelne ist ja immer ein Zufall, oder ein unbeträchtliches Detail, aber das Ganze macht mich wachsend traurig, ich kann mir nicht helfen. Man ist seit 20 Jahren gut miteinander, man ist sich weder fremder, noch uninteressanter, noch weniger lieb geworden, sondern im Gegentheil vielleicht, man gehört demselben Berufe an, man wohnt in einer Stadt – und man verbringt keine 20 Stunden im Jahr miteinander! Mir geht es furchtbar ab, – Euch, Ihnen und Richard offenbar viel weniger, das ist ja Temperamentssache. Am Lido hatte ich oft daran gedacht, hatte so sicher gehofft, in diesen drei Wochen Juli würde man sich mehr als einmal sehen, – es sind Jahre her, dass Sie nicht in meinem Haus waren! – und nun kommt es so. In dieser Woche, wo wir noch hier sind, übersiedelt Ihr, zu Anfang der nächsten Woche fahren wir mit den Friedmanns fort, über München an den Bodensee (eine Landschaft, die ich nicht kenne und mir lange wünsche) dann über den Arlberg nach Tirol hinein und sind ungefähr die ersten 10 Tage des August in Canazei. Dann sind wir für viele Wochen in Aussee. Kommt doch im September ein bissl dorthin, da ist gewöhnlich eine so schöne Zeit.
Wenn Ihr jemals wieder nach Tirol geht, will ich alles tun, um für eine Zeit an den gleichen Ort zu kommen; ich habe eine so schöne liebe Erinnerung an die Tage in Welsberg – das ist aber auch schon wieder 4 Jahre her.
Vielen Dank für Ihre so lieben Zeilen nach der Cristina.
Ein Wort über eine Arbeit von Ihnen (auch die Einschränkungen, die ich mir ganz zu eigen machen kann) das ist so ganz dasselbe was es vor 18 Jahren war, und ganz etwas anderes, als was von fremderem Mund kommt.
Wie gerne hätte ich wieder ein neues Buch von Ihnen in der Hand. Wie gerne möchte ich Ihnen meine Spieloper vorlesen. Schicken Sie mir ein paar Zeilen nach Canazei, Südtirol, dann später.
Von Herzen Ihr
Hugo.
Alles Gute Olga und den Kleinen von uns beiden.
    Alles Gute Olga und den Kleinen von uns beiden.]
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