Albert Ehrenstein an Arthur Schnitzler, 12. 7. 1910



*Vradist bei Holics,  12. Juli 1910

Hochverehrter Herr Doktor,

ich glaube, es wird, Sie vielleicht intereſſieren, wenn ich wieder einmal über meine literariſchen Miß- und Erfolge Nachricht gebe. Kraus, mit dem ich übrigens bereits ſehr ſchlecht ſtehe, weil wir beide, wie Sie wiſſen, recht unverträglich ſind, hat einmal ein Gedicht von mir gebracht, ein anderes akzeptiert, der honorarfeindliche Berliner »Sturm« zwei minderwertige Skizzen. Im übrigen ein Debacle auf der ganzen Linie. Die Verlage Reiß, Fleiſchel, Langen, v. Weber haben meine Sachen ohne weitere Begründung refuſiert, Georg Müller iſt trotz der Intervention der Herren Alfred Kubin und A. Halbert zu einer höflichen Ablehnung geſchritten, der Inſelverlag reagierte nach einer Empfehlung durch Paul Ernſt*ähnlich ſauer. An komiſchen Werturteilen fehlte es nicht, Soyka ſchimpfte mich ein Genie, Paul Ernſt gab zuerſt reichliches Lob von ſich, um ſchließlich bei dem Cliché »frühreifes Wiener Talent, das längſtens in fünf Jahren abgeſtorben ſein wird« zu enden. Angeſichts Ihrer Anſicht, vieles bei mir ſei noch unreif, erinnert mich dieſer Widerſpruch lebhaft daran, daß Auernheimer meine Th. Mann-kritik dithyrambiſch nannte, Polgar ſie für ein abſcheuliches Pamphlet erklärte, jener mich als phantaſtiſchen Schriftſteller rubrizierte, Großmann ſich durch meinen Realismus abgeſtoßen fühlte. Die Prognoſe des Dr Ernſt ſcheint mir jedenfalls unzutreffend: nach fünfjähriger Stagnation ſind mir meine lyriſchen Fähigkeiten heuer wiedergekehrt. Immerhin hat eine Ballade, die ich im Mai fabrizierte, bereits den Rekord von zwölf Retournierungen. Ich möchte ſie mit einigen anderen kleinen Arbeiten *Ihnen unterbreiten: Ich halte die Sachen nämlich nicht für ſo ſchlecht wie die vereinigten Redaktionsphiliſter, deren Autogramme zu ſammeln mein Schickſal zu ſein ſcheint. Die Herren Heſſe, Gumppenberg, K. B. Heinrich, Scheerbart, Lang-, Wid-, Hoff- und Großmann behaupten einhellig eine intenſive Nichteignung meiner Arbeiten für Ihre reſpektiven Blätter. Bie verwechſelt mich konſtant mit R. Auernheimer, Wien III, und verlangt immer wieder duftige Wiener Ware, die ich natürlich nicht herſtellen kann. Kurz, es dürfte kein namhaftes Organ in Öſterreich und Deutſchland geben, das mich nicht mit ſeinen nichtsſagenden Ablehnungsformularen beglückt hätte. — Ein Herr König vom »Merker« möchte für den Spätherbſt eine kritiſche Studie über Sie, den Dramatiker, von mir haben, aber ſein Blatt zahlt ſpät und ſchlecht, und mit meiner Betrachtungsweiſe wäre wohl eher noch der Autor als der päpſtliche Merker*einverſtanden. Ich würde Sie nämlich, trotzdem Ihre Stücke oftmals von der Bühne her auf mich ſtark gewirkt haben, ebenſowenig einen Dramatiker nennen wie etwa Grillparzer oder irgend einen anderen öſterreichiſchen Dichter. Ich würde ſagen, Sie ſeien im Grunde genommen ein Lyriker, ein Stimmungsdichter, der ſich zur ſeiner Erreichung ſeiner Zwecke oft des Dialoges, noch häufiger der epiſchen Form bedient. »Der einſame Weg« zum Beiſpiel iſt nichts anderes als eine wunderſchöne, dialogiſierte Novelle, in der ebenſo wie in den ähnlichen Wahlverwandtſchaften (aber auch bei Homer und den Buddenbrooks) ein Ausſterben der feiner organiſierten Individuen, ein ÜberlebenAmlebenbleiben der gangbareren Typen zu regiſtrieren iſt. Jene unerbittliche Logik, jene unabwendbaren Reſultate ineinanderwachſender Motive, zu denen Shakeſpeare kam, hat von deutſchen DichternDramatikern nicht einmal Kleiſt; Hebbel und Schiller ſind Dialektiker, *Goethe iſt – ich weiß kein höheres Lob für Ihren muſikaliſchen, ſtets melodiſchen Stil – Lyriker. Diejenigen Ihrer Werke, die auf den Einfall und Einfälle geſtellt ſind, wie die meiſten Ihrer Einakter und Dialoge, wüßte ich nicht zu beſprechen. Mit Mathematik befaſſe ich mich nicht gern, und wenn, ſo würde ich den »Reigen« als Vertreter hinſtellen und beklopfen. Behaupten, es gebräche der Compoſition an Vollſtändigkeit, ſei man ſchon Algebraiker genug, die Prinzipien der Combination und Permutation anzuwenden, hätte der Cirkus komplett ſein müſſen, die Dörfer Sodom und Gomorrha nicht außer Betracht bleiben dürfen.
Über die Vollkommenheit wieder, repräſentiert durch den »einſamen Weg«, »großen Wurſtel« und »Schleier der Beatrice« (deſſen Helden übrigens der unlogiſchere, ſentimentalereAltenberg nicht zum Selbſtmord hätten ſchreiten laſſen, bloß weil die Vertreterin der *der Weiblichkeit von einem anderen Mann träumte) – über das Vollendete läßt ſich wenig ſagen. Vor allem aber gebricht es mir an Material, ich kenne nicht jenen Schauſpielereinakter, der in Berlin zu einem Skandal führte, und was mich noch mehr intereſſierte: ich kenne bis auf das Bruchſtück in einem Widmungsbuche die erſte Faſſung der »Liebelei« nicht, die mir in dieſer Form, nach dem Fragment beurteilt, viel höheren Wert zu beſitzen ſcheint. (Dieſelbe legere Technik fand ich in den in der »N. Fr. Preſſe« veröffentlichten Szenen aus dem »Medardus« wieder, die andererſeits wieder eine gewiſſe und vielleicht luſtige Ähnlichkeit mit dem »Kakadu« beſitzen.) Summa summarum möchte ich ſehr gern ein Eſſay über Sie ſchreiben (ſchon weil ich Ihnen womöglich jedes Gefallen an der vorliegenden Form des »Wegs ins Freie« benehmen will), aber weder ſcheint mir *der »Merker« das geeignete Blatt, noch könnte ich ohne einiges biographiſche und entwicklungsgeſchichtliche Material ſo ſchnell etwa Ihrer und meiner Würdiges zu Tage befördern. Wenigſtens kaum vor März 1911, denn meine Studien machen nur langſame Fortſchritte. Zwar ſind die geographiſch-hiſtoriſchen Arbeiten bereits approbiert, das kleine philoſophiſche Rigoroſum bereits hinter mir und ſo ſteht zu befürchten, daß ich im Oktober zum Dr. phil. degradiert werde. Aber ich fürchte,beſorge nicht über genügend ſtarke Protektion zu verfügen, um ins Miniſterium des Unterrichts oder Inneren kommen zu können und es müßte alſo im Jänner ſchreckliche, überdies nicht gerade viel Chancen bietende Lehramtsprüfungen ablegen
Ihr Hochachtungsvoll und ergebenſt grüßender
Albert Ehrenstein.
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    Gedicht]
    Albert Ehrenstein: Wanderers Lied. In: Die Fackel, Jg. 11, Nr. 296–297, 18. 2. 1910, S. 36.
    Paul Ernst]
    Vgl. den Brief Ehrensteins an Paul Ernst vom 16. 5. 1910, abgedruckt in: A. E.: Briefe, S. 39.
    Gumppenberg]
    Vgl. den Brief Ehrensteins an Hanns von Gumppenberg vom 16. 5. 1910, abgedruckt in: A. E.: Briefe, S. 38.
    Skandal]
    Das Haus Delorme wurde kurz vor der Premiere im März 1904 zurückgezogen, wobei Schnitzler selbst als Grund nannte, die Schauspieler hätten ihr eigenes Milieu nicht darstellen mögen (B I,488–489).
    Widmungsbuche]
    Arthur Schnitzler: Liebelei. Erstes Bild. In: Widmungen zur Feier des siebzigsten Geburtstages Ferdinand von Saar’s. Hg. Richard Specht. Buchschmuck A. F. Seligmann. Wien: Wiener Verlag 1903, S. 175–196.
    Szenen]
    Arthur Schnitzler: Bastei-Szene. Erste Szene des dritten Aufzuges aus der dramatischen Historie: »Der junge Medardus. In: Neue Freie Presse, Nr. 16378, 27. 3. 1910, S. 32–39.