Stefan Großmann an Arthur Schnitzler, 2. 4. 1910



Wien, VI/1, Mariahilferstrasse 89 Wien, am 2. IV 1910
Telephon 880, 900
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Verehrter Herr!

Verzeihen Sie eine mir, dass ich Ihren Brief erst heute beantworte.
Die Schauspieler baten mich, Sie erst zur Première zu laden, heute wurde noch irrsinnig gearbeitet. Sie wollten nicht im Rohzustande vor Sie hintreten.
Die letzte Probe fand heute nachmittag statt und endete um ¼ 7 abends.
Leider wird Sie »Literatur« nicht voll erfreun. Ich war krank vor Ärger, weil die Leiter des Theaters das willigste erf freudigste Publikum der Freien Volksbühne kennen und, seine Milde missbrauchend, sagen: Da brauchen wir uns nicht anzustrengen.
*Ich war gestern im Ärger des Tags schon willig Sie zu bitten, lieber zu einer späteren Aufführung zu kommen. Jedenfalls wird die Qualität unserer Vorstellungen durch den »Halben Held« besser repräsentiert.
Ich sage das zornknirschend, aber ich will Sie lieber nicht irreführen. Wenn ich unser Theater selbst leiten werde, werde ich jene *Commandogewalt über die Schauspieler haben, die unerlässlich ist.
Um Ihnen nach diesen verdriesslichen Mittheilungen zu zeigen, wie sehr mir (der einmal als junger Esel sehr dumm vor Ihnen stand) an Ihrem Ja und Nein gelegen ist, müssen Sie mir gestatten, Ihnen meine Besprechung des »Ruf des Lebens« vorzulegen. Ihnen liegt selbstverständlich nichts an *meiner Huldigung. Ich will Ihnen nur zeigen, einen wie andächtigen Abend ich Ihnen verdankte.
S. Fischer wurde verständigt. Seine Zustimmung ist zweifellos.
Dank und ergebensten Gruss:
Stefan Großmann
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