Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 7. 11. 1909



*Sonntag 7/11 09.

mein lieber Arthur

wir waren neulich ſo eifrig mit mehr und minder energiſchen dramaturgiſchen Vorſchlägen, daſs vielleicht nicht ganz deutlich f geworden iſt, wie ſehr man unter dem charme der eigentlichen Haupthandlung des Stückes war. Es iſt eine außerordentliche Woltat, einmal durch ſprungweiſe Viſionen vorwärts gebracht zu werden *und nicht, wie man es gewöhnt iſt, bloß durch Entwicklung der Charaktere.
Aber ich glaube, wenn dieſe Kette von bildhaften Momenten, die zugleich Ballungen des Seeliſchen ſind, richtig von einem Publicum ſoll genoſſen werden, ſo müſſen Sie mit aller Härte hineinſchneiden, bis (ungefähr) ein normaler *Theaterabend herauskot. Die Handlung, deren Trägerin Helene (mit Medardus) iſt, iſt ſtark genug um die Orcheſtrierung mit Vorgängen von 1809 faſt entbehren zu können. Es wäre zu erwägen ob man nicht viel gewänne, wenn man mit roher Hand die Eſchenbacher-Tragödie ganz wegſchnitte. Gewiſs, ſie gibt einiges ſchwer entbehrliche (contraſtmäßig); aber ſie koſtet unendlich viel Zeit, Nerven, *Aufnahmskraft. Für mich lebt das Stück MedardusHelene a. von ſich ſelbſt, b von der höchſt geiſtreich verwendeten, occulten Nachbarſchaft der dämoniſchen Napoléon-Figur – und c – aber dies c kot ſehr ſpät – von dem übrigen Beiwerk.
Es müſste ſich mit dem Stück ein ſtarker Theaterſieg gewinnen laſſen, aber mit Opferung des Bagage-trains.
Ich bin fleißig und nähere mich dem Ende.
Ihr
Hugo.
    Bildrechte © University Library, Cambridge
    neulich]
    Vgl. A. S.: Tagebuch, 1. 11. 1909
    des Bagage-trains]
    des Versorgungszugs.