Albert Ehrenstein an Arthur Schnitzler, 17. 10. 1909

Albert Ehrenstein 17. Okt. 09.

XVI. Ottakringerstr 114.

Sehr geehrter Herr Doktor,

nachdem meine nach Venedig gesandten Manuskripte einen Monat lang verschollen und ich, da sie auf 1000 K versichert waren, bereits geträumt hatte, in den Besitz dieser Unsumme zu gelangen, geschah es mir, daß sie sich doch noch vorfanden und einige Zeit nachher feierte ich denn auch ein halb gerührtes, halb ärgerliches Wiedersehen mit meinen Arbeiten. Um auch andere an meinen Gefühlen teilnehmen zu lassen, transportierte ich einiges zu Herrn Auernheimer, den ich nicht antraf. Weil mir die Angelegenheit damals noch dringend schien, machte ich mich 14 Tage darauf wieder auf den Weg in die Neulinggasse. Da nun ergab es sich, daß A. bis dahin jede Berührung mit meinen Operaten ängstlich vermieden hatte und auch bis Mittwoch, als ich bestelltermaßen zu ihm kam, hatte er noch nicht jenen Heroismus aufgebracht, der zur restlosen Bewältigung mir entstammender schriftstellerischer Gebilde leider unbedingt nötig sein dürfte. Nichtsdestoweniger und obwohl er nur in kleineren und keineswegs in den für die Presse bestimmten Erzählungen geblättert hatte, kam er spielend zu einem erschöpfenden Urteil über mich. Er nannte mich ein unreifes Talent, phantastisch nach Meyrinks Art, meine Sachen ungeeignet zur Publikation, möglich höchstens für den »Hyperion« oder »Spiegel« – Zeitschriften übrigens, die mein profanes Auge niemals schaute und von denen ich bloß weiß, daß sie im Lande Blei liegen. Seine Rede krönte er mit einem anscheinend unschuldigen Satz, dem vortrefflich gewählten ceterum censeo: »Was wollen sie eigentlich? Falls bei ihnen einmal mehr als Ansätze, nämlich Erfüllungen vorhanden sein sollten, wird sie Schnitzler an die Neue Rundschau empfehlen und das wird viel mehr sein als wenn sie in so einem Literatenblättchen gedruckt würden.« Schließlich verstand er sich dazu, mir die Zusendung von Recensionsexemplaren zu versprechen, womit die ganze Affaire für mich abgetan sein wird. Mehr brauche ich nämlich glücklicherweise von der Presse nicht und wenn ich früher erfahren hätte, was ich leider erst Donnerstag erfuhr, daß nämlich an der Verzögerung der Approbation meiner Dissertation nicht so sehr Übelwollen als Schlamperei die Schuld trug, dann hätte ich Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, und mir allerhand ersparen können .  .  .  .  Allerdings sehne ich mich noch immer danach, nicht etwa einer Zelle in jener papierenen Welt, sondern eines Platzes an der Sonne teilhaftig zu werden, um endlich zu einigem Genuße meines Lebens zu gelangen. Meine Personalkenntnisse der Wiener Journalistik wünsche ich dennoch nicht zu bereichern, ich möchte vielmehr äußerst gern aus Ihrem Munde vernehmen, ob der in »Baber« und »Apaturien« gezeigte Stil für mich und andere von Wert ist und ob eine Veröffentlichung oder Edition der besseren meiner Skizzen und Erzählungen einen materiellen Effekt haben könnte? Soll ich schon jetzt daran gehen, meine Sammlung redaktioneller Kundgebungen durch Angliederung ähnlich negativer Bescheide von Verlegern gebührend auszubauen? Vielleicht können Sie, sehr geehrter Herr Doktor, raten
Ihrem ergebensten
Albert Ehrenstein.