Albert Ehrenstein an Arthur Schnitzler, 13. 7. 1909

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ihr freundlicher Brief gab mir gerade jetzt einigen Trost. Mein Geschichtsprofessor nämlich, mit einem ewigen Bronchialkatarrh behaftet und daher außerordentlich sekant, hat mir die Ehre erwiesen, mir meine Dissertation zur gänzlichen Umarbeitung zurückzugeben. Hätte der gute Mann bei dieser Abweisung imponierendes Sachverständnis dokumentiert, so wäre dawider wohl nichts einzuwenden gewesen. Aber das war nicht allzusehr der Fall. Eine übergroße und malitiöse Empfindlichkeit modernerem und zugreifenderem Ausdruck und Satzbau gegenüber verführte ihn sogar dazu, mir fast auf jeder Seite Mängel stilistischer Natur nachweisen zu wollen. Wozu erstens der Verfasser des langweiligsten Napoleonbuches nicht das Recht hatte, zweitens – und das ist die komische Seite der Affaire – habe ich einem galizischen Kollegen, der nicht gut Deutsch kann, seine Arbeit durchgesehen und die gröbsten Verstöße darin korrigiert. Bei dem hat der Hofrat merkwürdigerweise wenig Stilwidrigkeiten zu registrieren gehabt. Warum? Weil ich dem Polen den Tric angeraten hatte, dem Professor von vornherein weiszumachen, er werde seine Dissertation polnisch drucken lassen. Da begann des Professors Eigenliebe und Nationalgefühl zu funktionieren. Eine aus seinem, einem Deutschen Seminar hervorgegangene Abhandlung sollte anderswo, in einer slawischen Sprache erscheinen? Lieber veranlaßte er – was beabsichtigt war – die Drucklegung des Manuskriptes in Deutscher Sprache, hatte an dem von ihm empfohlenen Werke (von dem er übrigens auch nicht viel versteht) wenig zu bekritteln und prüfte den Polen nicht, sondern plauschte mit ihm beim Rigorosum. Unglücklicherweise kann ich nicht magyarisch und daher nicht mit dem magyarischen Erscheinen meines ungarische Verhältnisse glossierenden Elaborates dienen.
Obgleich die Umarbeitung nur 3 Wochen in Ansspruch nahm, wurde ich, da es nur 3 Lehramtsprüfungstermine im Jahr gibt und ich einen durch die Nichtannahme meiner Dissertation versäumen mußte, aus meiner Bahn geworfen, ich kann meinen ursprünglichen Plan nicht ausführen, werde um ein halbes Jahr später mit dem lächerlichen Namen- und Zahlenkram fertig werden, und außerdem – ich hatte schon 1908 keine Ferien – gibt es auch heuer keine Erholung für mich. Im Oktober wird meine Abhandlung in ihrer neuen Form zensiert. Mich noch weiterhin von dem Professor wie einen Schuldigen behandeln zu lassen, habe ich keine Lust. Es ist kaum ein Verbrechen, wenn man sich einen bissigen Hofrat mit einem Stückchen Wurst vom Leibe hält, ebensowenig halte ich es für korrupt, im Regen einen Schirm aufzuspannen. Aus dieser Weltanschauung heraus muß ich es mit Freude begrüßen, wenn Sie, sehr geehrter Herr Doktor, die Liebenswürdigkeit besäßen, Herrn Auernheimer gegenüber ein paar Worte über mich fallen zu lassen. Ich möchte nämlich dann gern Ende Juli Herrn Auernheimer eine Notiz über die im Erscheinen begriffene Dissertation jenes galizischen Kollegen sowie meinen Baber einsenden. Kurze Kritiken über Belletristiker einschicken, was mir Auernheimer gestattete, mag ich nicht; ich sehne mich nicht danach, mich mit irgendwelchen Literaten durch Tauschhandel zu verfreunden, in meiner gegenwärtigen Stimmung würde ich übrigens selbst den Herrgott zu diskreditieren versuchen, und das eine wie das andere darf doch eigentlich nur einer, der durch eigene Schöpfungen öffentlich einen gewissen Befähigungsnachweis erbracht hat. Die Notiz über die von ihm empfohlene Dissertation würde den Historiker umgänglicher machen, der Baber – den ich sonst in aller Eile anderweitig unterzubringen das gefährliche und bei meinem Mangel an Beziehungen auch aussichtslose Wagnis unternehmen müßte – würde ihm imponieren, den Geographieprofessor, der uns die Memoiren dieses Regenten namhaft machte, freuen. Daher, um sozusagen als Respektsperson wenigstens Chikanen zu entgehen, wäre es mir wirklich sehr angenehm, wenn Herr Auernheimer nicht (wie im Feber) sich ausschließlich darauf beschränkte, in meinen Manuskripten hin und wieder einen Beistrich anzubringen, was mich belustigte, oder ab und zu ein »Sehr schön« hinzuschreiben, was mich ärgerte. Heute noch würde es mich freuen und mir in vieler Beziehung helfen, wenn die Presse oder sonst ein Blatt mich lancierte, in ein bis zwei Jahren, wenn ich einen Posten habe, wird es mir sehr gleichgültig sein, ob mein Name in einer Zeitung steht, oder ob ich ihn mit dem Spazierstock auf einen in der Sonne zerrinnenden Schneehaufen schreibe. Die Ehre ist schließlich schon jetzt nicht gar so überwältigend. Und später, wenn ich einmal bekannt sein werde – ich bin schrecklich rachsüchtig – würden die Zeitungen zunächst doch nichts anderes von mir bekommen als die von ihnen selbst abgelehnten Sachen. Den Luxus, derartige Prinzipien zu besitzen zu glauben, kann ich mir ja jetzt noch getrost gestatten.
Indem ich zwar auf eine gnädige Erfüllung meiner unbescheidenen Wünsche hoffe, nichtsdestoweniger auch auf eine strenge Kritik meiner novellistischen Tastversuche und moralischen Grundsätze gefaßt mache, verbleibe ich hochachtungsvoll
Ihr ergebenster
Albert Ehrenstein.