Albert Ehrenstein an Arthur Schnitzler, 24. 1. 1909



Sehr geehrter Herr Doktor!

Ihr geſchätztes Schreiben habe ich erhalten, und ſo angenehm es mir auch war, daß Sie, ſehr geehrter Herr Doktor, ſich ſo ſchnell der Mühe unterzogen, mein armes Märchen zu leſen, die übrigen Empfindungen, die mich nach der Lektüre Ihres werten Briefes beſeelten, waren von Freude weit entfernt. Wenig geneigt, mich mit dem »Manche freilich müſſen unten ſterben« zufrieden zu geben, wähnte ich naiv, im äußerſten Falle würden Sie, ſehr geehrter Herr Doktor, mich nicht direkt empfehlen, sondern durch Herrn v. Hofmastal. Wenn dies nicht ſein mag, ich nicht durch übermäßige Inanſpruchnahme beläſtige, auch nicht *ſonſtwie unwillentlich mir Ihre Ungnade zugezogen habe, müßte ich, der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, ein oder zwei in ihrer Harmloſigkeit entwaffnende hiſtoriſche Novellen wieder aufnehmen, die vielleicht für die Neue Freie Preſſe nicht ganz ungeeignet ſein dürften. Ich erkühne mich keineswegs, Ihnen, ſehr geehrter Herr Doktor, neuerdings die angreifende Lektüre irgend einer meiner Mittelmäßigkeiten zumuten zu wollen, von denen ich übrigens letzthin loyalerweiſe die denkbar kleinſte Doſis überſandte. Bin ich auch leider lange nicht ſoweit, eine Befürwortung irgend einer meiner Arbeiten um ihrer ſelbſt willen erbitten zu können, hoffe ich dennoch dereinſt halbwegs Erſprießliches zu verfaſſen. Nicht meine Sachen, *ſondern mich möchte ich gerne an eine reſpektable hieſige Zeitung empfohlen ſehen. Es iſt gewiß bedauerlich, daß die Menſchen noch ſo vieler Umſtände bedürfen und nicht bereits dabei angelangt ſind, Schriftſtellern die Keime ihrer Werke aus den Gehirnen zu extrahieren und Dichtmaſchinen zur Ausbrütung zu übergeben. Bis dahin werden eben meinesgleichen immer an den guten Glauben appellieren müſſen und dies tue ich denn auch, nicht ohne eine ſanfte Betrübnis über mein ſäumiges Wachstum. – Herr Camill Hofmann, dem mich zu empfehlen Sie, ſehr geehrter Herr Doktor, die Güte hatten, äußerte ſich ebenſo liebenswürdig als unverdient anerkennend über meine Arbeiten, lehnte ſie gleichwohl ab, in einer *mir unbegreiflichen Rückſicht auf das Publikum der »Zeit«, die er eigentümlicherweiſe als Familienblatt bezeichnete. Der »Erdgeist«, an den Herr Hofmann meine Skizzen weiterzugeben die Freundlichkeit hatte, ließ es an mich kalt laſſenden Lobeserhebungen nicht fehlen, ſcheint aber ähnliche Bedenken zu tragen, Realeres für mich zu tun. – Indem ich mir bewußt bin, Ihnen, ſehr geehrter Herr Doktor, niemals für all das, was Sie an mir getan, danken zu können, möchte ich erſuchen, es nicht übel nehmen zu wollen, daß ich, ſo ſchwer es mir auch fiel, noch einmal u. gewiß nicht ohne zwingende Gründe, mit der Bitte um eine Empfehlung an Sie heranzutreten genötigt bin. Hochachtungsvoll ergebenſt Ihr Sie, ſehr geehrter Herr Doktor, verehrender
Albert Ehrenstein.
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