Arthur Schnitzler an Hermann Bahr, 18. 10. 1906

Wien, 18. X. 906

lieber Hermann,

eine Aehnlichkeit zwischen deinem Akt und dem Abschiedsouper wäre höchstens irgendwo im äußerlich stofflichen zu finden, im innerlich stofflichen schon nicht mehr, und gewiss nicht im »seelisch gestaltlichen« – (um zu immer grauenhafteren Worten auf- oder niederzusteigen). Dein Problem ist viel verzwickter, der Fortgang der Handlung gedrehter, spiraliger, jüdischer gegenüber der naiv gauloisen Fabel des braven alten Anatolstückls, außerdem wird bei mir soupirt und bei dir doch eigentlich nur gejausnet. Die Atmosphäre deines Stücks ist dünner, schärfer; das ganze brutaler (für meinen Geschmack im Beginn besonders bis zum Abstoßenden brutal) angepackt. Wenn du mir, oder dem guten Anatol, diesen interessanten Einakter widmen willst, so nehm ich s natürlich mit Dank u Rührung an, nur mußt du mir erlauben, deine Erinnerung nicht als Anregungsquittirung und Ausdruck einer Gewissensschuld sondern als ein neues und daher mir willkommenes Zeichen unserer guten Zusammengehörigkeit zu empfinden u zu empfangen.
Hoffentlich fügt es sich, dss wir einander vor deiner Abreise noch einmal sehen. (Gern möcht ich auch etwas, Reinhardt betreffendes, aber hauptsächlich in meinem Interesse liegendes mit dir besprechen.)
Herzlichst, mit Grüßen von
meiner Frau u mir
dein
Arthur
    gejausnet]
    (öst.) Jause: Zwischenmahlzeit.
    Reinhardt betreffendes]
    Eine Aufführung von Der Schleier der Beatrice, Vgl. A. S.: Tagebuch, 29. 10. 1906 und vgl. den Brief von Schnitzler an Max Reinhardt, 24. 12. 1909 in A. S. Briefe I,613–621.