Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 8. 9. 1906



*Wien, 8. 9. 906

mein lieber Hugo,

auch unſer Sommer war gut. In Marienlyst waren wir volle ſechs Wochen. Schöne Seebäder, höchſt anmuthige Waldſpaziergänge, ein angenehmes Hotel. Schrieb ein fünfactiges Stück, das natürlich vorläufig nicht zu brauchen iſt und von dem ich noch nicht weiſs, wa ich es vollende. Auch einen Einakter hab ich ausführlich ſkizzirt. Salten und Frau war einen Nachmittag bei uns, mit Verwandten. Schon nach Erledigung der Umzugsfrage. und daher in guter Stiung. Ich freu mich ſehr, daſs er wieder zu uns kommt. Frau Fulda war ein paar Wochen in Marienlyst und blieb noch nach unſrer Abreiſe. *Meine Schwägerin war in Gilleleje, nördlich von Marienlyst, am offnen Meer, kam dann auf ein paar Tage, mit Steinrück zu uns, wir fuhren gemeinſchaftlich nach Kopenhagen. Sie iſt jetzt in Görbersdorf, es geht ihr recht gut. Von Kopenhagen aus wurde Heini, dem das Meer ſehr imponirt hat und der jetzt wo er kann, mit ſeinen Reiſeerlebniſſen protzt, mit dem Fräulein nach Wien ſpedirt. Wir zwei fuhren nach Weimar, das uns aufs tiefſte ergriff. Fred, äußerſt ſympathiſch, aber recht leidend, war ein paar Tage mit uns zuſaen. Von Weimar nach Ilmenau, auf den Kickelhahn; von Ilmenau zu Wagen, *durch den reizvollen Thüringerwald, über die Schmücke, nach Oberhof, das ſich ganz alpenhaft geberdet, gleich weiter nach Eiſenach, nach Nürnberg, wo wir das hübſche Marionettentheater von Brann ſahen, und von da nach Wien. Hier ſind wir ſeit beinah drei Wochen. Olga ließ ſich von Julius eine Kleinigkeit an den Füßen operiren, ſo dſs ſie noch nicht Tennis ſpielen kann. Ich hingegen ſehr fleißig, beinah täglich. Mit Wassermann, Agnes Speyer, Speidel u Frau. Arbeite wenig. Beſchäftigt mit einem Stück, das ich ſchon vor 3 Jahren begonnen habe (modern.) – Morgen fahren wir alle auf den Semmering, für etwa *acht Tage. Es wäre nicht unmöglich, dſs ich für meinen Theil von dort aus noch weiterwandere oder radle, vielleicht mit Waſſermann, ins Salzkaergut. Laſſen Sie mich jedenfalls wiſſen (Südbahnhotel) wie lange Sie noch in Lueg bleiben. Hiemit wäre das äußerliche der letzten Monate und der nächſten Zukunft in Kürze mitgetheilt; es gab im übrigen recht viele gute Stunden aber mehr hypochondriſche als mit Ruhe zu tragen wären. Künſtleriſche Intenſitäten wurden mehrhäufiger auf Spaziergängen durchlebt als am Schreibtiſch, und die neueſten Geſtalten laſſen ſich wohl bis ins tiefſte erkennen aber nicht bis ins letzte regieren. Ich freue mich auf unſer nächſtes Zuſaenſein und erhoffe es bald.
Herzlichst Ihr
A.
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    einen Nachmittag]
    Siehe A. S.: Tagebuch, 2. 8. 1906
    Umzugsfrage]
    Sie übersiedelten zum 15. 9. 1906 aus Berlin nach Wien.
    operiren]
    geschrieben: »operirte«