Georg Brandes an Arthur Schnitzler, 11. 3. 1906

Kopenhagen 11 März 1906

Verehrter und lieber Freund

Haben Sie herzlichen Dank für die gute Gabe, die Sie mir schickten, Ihr letztes Schauspiel. Ich habe meine Freude daran gehabt. Die Welt Ihrer Phantasie zieht mich immer an und erregt meine Bewunderung, da ich selbst wenig Phantasie besitze und erstaune, dass ein anderer all das erfinden kann.
Seit lange beschäftigt es Sie, wie der Gedanke an den nahen Tod die Gefühle beeinflusst, Schleier der Beatrice, Lieutenant Gustl, usw. Hier variiren Sie das Thema; der Gedanke an den Tod des Liebsten wirkt ebenso. Sie sind ein Grübler über den Tod, wie schon Ihr »Sterben« zeigte. Die Hälfte Ihrer Produktion ist Thanatos, die Hälfte Eros gewidmet. Aber dadurch haben Ihre Arbeiten eine so grosse Spannweite (wenn das Wort deutsch ist).
Ich las eine sehr unverständige Kritik über Ihr Werk in dem Tag; es scheint mir, dass die meiste deutsche Kritik allzu viel fertige Begriffe und Ansprüche mitbringt; sie ist weniger geschmeidig als die unsrige.
Es war mir sehr lieb, Sie jene Stunde bei Fulda zu treffen. Ich möchte, dass Sie wieder einmal nach Dänemark kämen.
Ihr dankbar verbundener
Georg Brandes
    Kritik]
    L. Schönhoff: »Der Ruf des Lebens.« Schauspiel von Artur Schnitzler. Erste Aufführung im Lessing-Theater. In: Der Tag, Nr. 105, Ausgabe A, 27. 2. 1906, Erster Teil, S. 1–2.
    Stunde]
    Am 19. 11. 1905 in Berlin.