Adolf Treibl an Arthur Schnitzler, 18. 1. 1906

Euer Hochwohlgeboren

Hochverehrter Herr Doctor.

Es ist halt ein großes Kreuz! Noch einmal appellieren die Eltern des erkrankten Albert Ehrenstein an die Opferwilligkeit von Euer Hochwohlgeboren. Bisher haben drei Ärzte: Dr Adler , der Hausarzt Dr Jellenik u ein von Brünn berufener Onkel des Patienten Dr Jakob Ehrenstein sich ziemlich einhellig für ein Sanatorium ausgesprochen. Allerdings der Grad der Notwendigkeit dieser Verfügung wurde nicht gleichmäßig betont. Der Kranke selbst hält aber an einer Reise nach Meran fest, weil Euer Hochwohlgeboren eine solche seinerzeit empfohlen haben.
Heute nachmittags (18/I) treten um ¼ 5h noch einmal der Hausarzt und ein Spezialist: Drl Kornfeld zu einem Konzilium zusammen. Namens und im Auftrag der Eltern erlaube ich mir nun die Bitte, Euer Hochwohlgeboren mögen die ganz besondere Güte haben, diesem Konzilium beizuwohnen und den Patienten im Sinne der zu treffenden Maßnahmen beeinflußen.
Euer Hochwohlgeboren können versichert sein wir wissen die Schwere der Opfer, die in dieser Affaire Euer Hochwohlgeboren bringen, wohl zu würdigen und es ist nicht Selbstsucht oder Rücksichtslosigkeit, die uns neuerlich an Herrn Doktor mit dieser geradezu anmaßlichen Bitte herantreten läßt. Wenn der Patient irgend welchen anderen Einflüssen, als denen die von Euer Hochwohlgeboren ausgehen, zugängig wäre, hätten wir es gewiß nicht gewagt, neuerlich zu belästigen.
Mit der Bitte, um des leidenden Menschen willen, dem ausgesprochenen Wunsche zu willfahren verharret in vollkommener Hochachtung
Euer Hochwohlgeboren ganz ergebster
Ad. Treibl
Wien, 18/I 1906
    Jellenik]
    Ein Arzt mit Namen »Jellenik« ist in Wien nicht nachweisbar. Es dürfte sich um Edmund Jelinek handeln (A. S.: Tagebuch, 18. 1. 1906).