Adalbert Seligmann an Arthur Schnitzler, 13. 10. 1905

Verehrtester! Wenn Sie wüßten, wieviel es braucht, um mich zu einem Brief zu zwingen, so könnten Sie daraus allein ermessen, wie groß die Bewunderung ist, die ich für Ihr »Zwischenspiel« habe«. Was mir aber außerdem noch die Feder in die Hand drückt, ist das Gefühl – verzeihen Sie diese Arroganz – dass ich zu den nicht gar Vielen gehöre, die das Stück verstanden haben, und dass ich Ihnen gleich sagen möchte wie wundervoll ich die Psychologie darin finde, es Ihnen sagen möchte, bevor die Dickhäuter kommen, die Ihnen versichern werden, dass es zwar geistvoll, aber zu compliciert ist! Wenn schon ein ganz feiner Kopf, wie Wittmann sich nicht darin zurecht findet, wie sollen dann die vielen Andern folgen können? Ich finde es unglaublich wahr, und mit prachtvoller Consequenz angelegt und durchgeführt. Es sind eben wirklich, wie der »Raisonneur« sagt, zwei feine Menschen, zwischen denen sich das alles abspielt, abspielen muß! Soll ich noch hinzufügen dass ich die Oekonomie und den Aufbau ganz vollendet finde? Ich will Sie nicht langweilen – was ich Ihnen sagen könnte, wissen Sie ja alles – und noch viel mehr; sonst hätten Sie das Stück ja nicht geschrieben, ein Stück, von dem ich überzeugt bin, dass man es erst in zwanzig Jahren richtig erfassen und würdigen wird.
Mit den besten Empfehlungen
Ihr
A. F. Seligmann
13/10 1905
    nicht darin zurecht findet]
    In seiner Nachtkritik schreibt – nicht namentlich genannt – Wittmann: »Ein Ibsen-Problem im Grunde, aber schrecklich verkünstelt und hineingepflanzt in einen psychologischen Irrgarten, wo die Menschen auf dem Kopf zu tanzen scheinen.«. (Neue Freie Presse, Nr. 14778, 13. 10. 1905, S. 9.)