Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 31. 12. 1904



*Wien, 31. 12. 904.

lieber Hugo,

ich habe Grunwald in Traumulus als problematiſchen Corpsſtudenten, in der Frau vom Meer als Lyngſtrand und da im Geyer als  .  .  .  ich weiſs nicht mehr was geſehen, und Brahm weiſs, daſs ich ihn ſehr ſchätze und noch allerlei Möglichkeiten in ihm zu ſpüren glaube. Er iſt aber gewiſs keine ſehr reiche und keine ſehr ſtarke Natur und hat auch das geheimnisvolle nicht, das manche haben, ohne stark *und groß zu ſein; er iſt ſehr ſcharf umriſſen aber es iſt nicht viel Luft um ihn. Nun ſcheint es mir aber für den Jaffier notwendig, daſs man in ſeiner Perſönlichkeit den vergang[ene]n Zauber ahnt und ich glaube, ſo etwas überzeugend herauszubringen, ist dichteriſch ſchauſpieleriſch ebenſo ſchwer, ja an der Grenze des Möglichen wie dichteriſch. Ihnen iſt es nur dadurch (und doch nicht ganz) gelungen, daſs Sie zwei in ihrer Art außerordentliche Menſchen, den Pierre und die Belvidera, *einen, deſſen Weſen Muth, die andere, deren Weſen Hingebung, noch zu einer Zeit unter jenem Zauber ſtehen laſſen, da wir nichts mehr davon bevon ihm angerührt werden – aber immerhin, wir denken: Muſs das ein Kerl geweſen ſein – daſs die zwei gar nicht merken, wie wenig er es heute iſt! – Mitterwurzer, Kainz, Baſſermann wieder trügen dieſes »geweſene« wie einen Heiligenſchein von verſtäubten Schickſalen um ihr Haupt, einen Schein, der eben nur in Perſönlichkeitsatmosphäre ſichtbar *wird. Davon, mein ich, wird bei Grunwald nichts merklich ſein. Warum ich Ihnen das ſage weiſs ich eigentlich nicht – denn wenn Bassermann abſolut nicht will, iſt G. gewiſs der einzige, der in Betracht kommt. Er wird ſetze ich voraus, die Rolle von der weibiſch ja – verwöhnten Seite her zu nehmen ſuchen, und als ja, er wird vielleicht auch das hyſteriſch verlogene (es iſt eine Bezeichnung, kein Schimpf) in ××××××××××lebhafterer Weiſe herausbringen, als Sie wollten. Wie immer, – es *wird durch dieſe Beſetzung noch mehr als je die Tragoedie von der Enttäuſchung des Pierre, und vielleicht kot nun alles bei der Einſtudierg darauf an, mit dieſem Gleichgewichtsverhältnis von vornherein zu rechnen.
Sie haben doch nun meine Karte aus Lueg bekommen? Wir ſind alſo Montag 2. Abends 8 Hietzing, Kuffner. Vielleicht iſt unſer Charolais doch ſchon hier und kommt?
Herzlichſt Ihr
A.
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