Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 8. 12. [1903]

8. XII.

lieber,

nun sind es wieder vielleicht 4 Wochen, dass man sich nicht gesehen hat! Ist das nicht schad? Und ich konnte diesmal absolut nichts machen als warten, da Sie beim letzten Mal bestimmt gesagt hatten, Sie würden herüberkommen. Wenn Ihnen aber das in der ganzen Zeit niemals passte, warum dann kein rendez-vous in Hietzing? –
Diese Woche bin ich Mittwoch Samstag Sonntag bestimmt nicht frei. Dass Sie auch nie eine Zeile schreiben!
Ich habe in der Zwischenzeit »Frau Bertha Garlan« wieder gelesen, mit noch viel intensiverem Vergnügen als das erste mal, ja mit ungetrübtem Genuss. Dieses Buch und das neue Stück sind wohl Ihre schönsten Arbeiten. Kaum zu glauben dass das von einer Hand ist, mit einem so dürren quälenden Buch wie »Sterben« einem Buch, wie es deren eigentlich keine geben dürfte. So viel Kraft und Wärme, Übersicht, Tact, Weltgefühl und Herzenskenntnis steckt in dieser »Bertha Garlan«, so schön zusammengehalten ist es und so gut und gescheidt dabei.
Wenn Sie einmal ein überflüssiges Exemplar der »Frau des Weisen« haben, meins ist gestohlen.
Haben Sie nun schon die »Elektra« oder nicht? – bekommen übrigens nächstens auch noch etwas andres.
Von Herzen
Hugo.
    andres]
    Schnitzler rechnet damit, Das gerettete Venedig zu bekommen.