Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 1. 7. [1903]

lieber, hier, wo wir vor einem Jahr zusammen gesessen sind – es ist ein Jahr fast auf den Tag genau – finde ich Ihren lieben Brief. Erinnern Sie sich? es war an dem schönen Tag, wo wir im Stubaithal waren und ich Ihnen Complimente gemacht habe, wir dann in Windischmatrei Forellen gegessen haben und die Lisl aus Berlin geschrieben hat, daß der Goldmann ihr kein Geld leiht.
Wir haben ein paar sehr schöne Tage in Italien verbracht, das Ampezzo-thal hinunter bis Vicenza und durchs Val sugana zurück. So schön ist dieses Land!
Trotzdem werde ich nicht mit Ihnen um den 10ten August in diese Gegenden fahren. Ich werde um den 10ten August in Weimar sein. Die Einladung dazu geht direct von der Erbgroßherzogin aus, indirect von Kessler, der an diesem kleinen Hof seit einiger Zeit eine nicht recht definierbare Art von Intendantenstellung einnimmt. Sie wollen meinem Hinkommen zu Ehren dort auf dem kleinen Naturtheater in Belvedere – auf welchem Goethe den Orest spielte – den Tod des Tizian von den hübschesten Hofdamen und Pagen – wirklichen Pagen – spielen lassen. Es macht mir natürlich Spaß, auch kenne ich Weimar gar nicht. –
Das nähere darüber und über sonstige Pläne mündlich.
Wir gehen noch für 10–12 Tage an den Grundlsee.
Adresse H. H. bei Frau Lili Geyger
Grundlsee
Archkogel 13
Von Herzen
Hugo.
Grüße für Olga und Heinrich das Kind. Es war absolut unleserlich, welches (französische??) Buch Sie auf der Reise sehr genossen haben.
    zusammen gesessen]
    Vgl. A. S.: Tagebuch, 3. 7. 1902