Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, [28. 3. 1902]

mein lieber guter Arthur,

ich will Ihnen aufrichtig sagen, dass mich Ihr Telegramm sehr verletzt hat. Ich will es deswegen lieber aussprechen als verschweigen, weil ich glaube, dass das, was an solchen Dingen für mich so verletzend ist, von Ihnen, als höchst unwichtig, kaum bemerkt wird und dass das Ganze in dem Moment vermieden wäre, wo Sie überhaupt zum Bewusstsein davon kämen.
In den 10 Jahren, seit wir uns kennen, hab ich die unaufhörliche Freude eines intimen Verkehrs mit Ihnen immer unter solchen Formen genießen können, die Ihre Bequemlichkeit in Bezug auf Ort und Stunde des Zusammentreffens etc nie tangiert haben. Es war nicht nur für Sie, sondern auch für mich bequemer, es war durch alle Umstände gegeben, dass Sie fast nie zu mir gekommen sind und ich oft zu Ihnen etc. etc.
Und andererseits haben Sie in dieser langen Zeit wohl auch bemerken können, dass mir ziemlich fern liegt Sie irgend wie durch Bekanntmachen mit Leuten etc in Anspruch zu nehmen.
Nun ereignet sich ein besonderer ganz vereinzelter Fall: eine Frau, mit der ich ziemlich befreundet bin, und die wirklich eine merkwürdige Frau ist, durch eine seltene Übereinstimmung von Güte, Vornehmheit und wirklichem Geist, dabei von der äußersten Zurückhaltung, isoliert und fast menschenscheu, diese Frau erfreut mich (ich gebrauche das Wort in seiner wirklichen Bedeutung) seit jeher durch ihre warme und kluge Auffassung aller Ihrer Arbeiten. Und diese Frau spricht mir, ganz ausnahmsweise, ihrer Art gar nicht entsprechend, lebhaft und mehrmals den Wunsch aus, Sie einmal zu sehen. Ich antworte: ganz gern, ganz leicht, einmal bei mir draußen. Es vergeht der Herbst, der Winter, es kommt das unfreundliche Frühjahr und da sie furchtbar an Neuralgien leidet, sagt sie: so werde ich wieder nicht nach Rodaun kommen, und ich füge hinzu: und das mit dem Schnitzler wird nicht zusammengehen. Im Augenblick fällt uns ein, dass sie in ihrer Wohnung ganz allein ist, ihre Söhne in Prag, ihr Mann an der Riviera, und es kommt uns, mit der halb kindischen Freude, etwas ungewöhnliches zu arrangieren, der Gedanke an dieses Frühstück. Aus Bescheidenheit fügt sie hinzu, man sollte, damit Sie sich nicht langweilen, noch jemand Gescheidten einladen der Ihnen neu und unterhaltend sein könnte, ich schlage Kassner vor, den ich Ihnen schon lange bekannt machen wollte, man wählt die Stunde des Frühstücks, die Sie in nichts stören kann, weil ich weiß dass Sie nachmittags gern arbeiten und Ruhe haben, es ist eine Wohnung in der inneren Stadt,
ich überschreite eine seit 10 Jahren geübte Zurückhaltung und trage Ihnen diese Sache als herzlichen Wunsch oder Bitte von mir vor, und Sie antworten, dass Ihnen Mittagseinladungen in der nächsten Zeit unbequem sind!
Ich kann wirklich nicht weiterschreiben, weil ich zu erregt bin, und die Thränen in den Augen habe, natürlich nicht vor Rührung sondern vor Zorn.
Da Sie aus dieser Heftigkeit vielleicht gerade bemerken, wie herzlich gern ich Sie habe, so hoffe ich, dass dieser Brief Sie in keiner hässlichen Art ärgern wird.
Von Herzen Ihr
Hugo.