Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 18. 7. [1901]



*18. Juli.Rodaun,

mein guter lieber Arthur

ſchon gleich beim Betreten dieses Hauſes am 1tenJuni habe ich mit herzlicher Freude Ihren lieben Brief gefunden, und es iſt mir faſt unbegreiflich, daſs 17 Tage vergehen konnten, wo ich wirklich jeden Tag daran dachte, Ihnen zu ſchreiben, und immer wieder die eine Viertelſtunde ſich wegrückte. Allerdings hab ich in dieſen Tagen mit ziemlicher Haſt und ziemlich viel Einfällen den letzten Act des Ballets endlich ausgeführt, ſo daſs von nun an dieſes ziemlich umfangreiche Ding, deſſen Werth oder Unwerth ich abſolut nicht abſchätzen kann, unter meinen Arbeiten exiſtiren wird. Hoffentlich kann ichs Ihnen im Herbſt vorleſen und es miſsfällt Ihnen nicht.
Dieſes Aneinander-vorüber-ſchweben in Innsbruck hat mir damals recht leid gethan. Hätte man nicht ein paar Stunden zuſammen ſein können? ich glaube daſs wäre für alle vier ein freundlicher Eindruck geweſen. Auch iſt doch von Gerty eine Indiscretion eben ſo wenig zu fürchten wie von mir und überdies hätte man ihr den Familiennamen der andern gar nicht zu ſagen gebraucht. Wir ſind an dieſem Abend noch ins Hofgartengaſthaus nachtmahlen gegangen, dem einzigen Ort, wo man »im Freien nachtmahlt« und ich habe ſehr gehofft, *daſs wir uns dort begegnen würden, es iſt aber leider nicht der Fall geweſen.Mit dem Haus und dem Leben hier bin ich ſehr zufrieden, ich will aber nicht viel darüber ſagen, ſondern freue mich darauf, es Ihnen zu zeigen. Jetzt wüſste ich ſchon gerne, wo ich mir vorſtellen ſoll, daſs Sie ſind.Ich will nun möglichſt bald anfangen, das große figurenreiche und tragiſche Stück zu ſchreiben, deſſen Stoff mir von Browning überliefert iſt.
Von Menſchen ſehe ich Bahr, der öfter herüberkommt, und erwarte nächſtens Andrian für einige Tage.
Ich freue mich ſehr auf einen Brief von Ihnen.
Von Herzen Ihr
Hugo.
    Bildrechte © University Library, Cambridge
    Juni]
    Von Schnitzler mit Bleistift zu »Juli« korrigiert.
    herüberkommt]
    Das neu bezogene Haus Hofmannsthals lag etwa 8 Kilometer von dem Bahrs entfernt.