Joseph Victor Widmann an Arthur Schnitzler, 28. 5. 1900



*Bern, 28. Mai 1900.

Verehrter Herr!

Erſt geſtern habe ich über allerlei Rezenſionsbüchervolk Ihren »Reigen« und in dem kleinen Buche die große Liebenswürdigkeit entdeckt, die in einer ſo auszeichnenden perſönlichen *Sendung und Widmung eines als Manuscript gedruckten Werkes liegt.
Und wie gut ich mich dann nachher mit dem aus ſo echter Menſchenkenntniß geſchöpften, feinen Buche unterhalten habe, das wird Ihnen der Bewunderer Ihrer Anatole-Dialoge nicht erſt zu verſichern brauchen.
Ich beglückwünſche Sie zu dem poetiſchen Einfall eines solchen Venusreigens, bei dem der komiſche Plumpsack, den wir alle keen, von einer Hand in die andere gleitet. Wir ſind da wieder bei der freien Kunſt angelangt, wie wir ſie aus fröhlichen Bildern des alten Pompeji kennen. Und wie Ihr Soldat zum Stubenmädchen dürfen Sie in dieſen manchmal *etwas dunkeln Zeiten zu Ihrer Mühe ſagen: »Gott ſei Dank! Mir sein mir!«
Seien Sie alſo ſchönſtens bedankt für Ihr Buch u. für die Ehre, die Sie mir mit der Zuſendung erwieſen haben.
In herzlicher Verehrung
Ihr
J. V. Widmann
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