Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 9. 4. 1900



*9/4 900.
mein lieber Hugo, heute Vormittag habe ich Ihren Papa geſprochen, und ihn zu meiner Freude ſo vortrefflich ausſehend und bei ſo guter Stiung getroffen, wie nur einer ſein kann, der morgen wieder aufſteht. Ich war geſtern früh gleich nach meiner Ankunft bei Ihrer Mama und fand ſie ſchon vollkommen beruhigt und hauptſächlich froh über die viele Sympathie von allen Seiten, die bei dieſer Gelegenheit ſich ausſprach. *Soweit ich (ohne Unterſuchung) das ganze beurtheilen kann, ſcheint mir eine organiſche Erkrankung (des Herzens) vollkommen ausgeſchloſſen; ich weiſs nicht einmal, ob es richtig iſt, von »Anfällen von Herzſchwäche« zu ſprechen; mir kot der vagus als der ſchuldige vor, und als ich heute vor Ihrer Mama von vagus Neuroſe ſprach, ſagte ſie, Dr. Schandlbauer habe dieſelbe Vermuthung ausgeſprochen. Jedenfalls dürfen Sie ſo vergnügt und unbeſorgt weiterleben als vorher. Allerdings kot’s *mir ſehr fraglich vor, daſs Ihre Mama ſich entſchließen wird, Ihren Papa zu Ihnen nach Paris fahren zu laſſen; das iſt ganz begreiflich. Ich höre immer wieder, von Richard und von Ihrer Mama, dſs Sie ſich ſo wohl fühlen und mit Luſt arbeiten, und ſo freue ich mich nicht nur auf Sie ſondern auch auf das, was Sie mitbringen werden. Ich war auf meiner Reiſe eigentlich nur in den Stunden ziemlich gut dran, in denen ich geſchrieben habe; – *das Wetter war ſelten ſchön, nur in Ragusa 3 klare Tage, aber da wars für Ragusa und für Anfang April doch zu kühl. In Abbazia hat es ununterbrochen gegoſſen; dort war ich viel mit Georg Hirſchfeld zuſammen, zu dem ich neue Sympathie gefaſſt habe. Elly liebe ich aber noch immer nicht. Es war mir auffallend, wie viel ich auf meiner Reiſe geträumt habe; ſo lebhaft und bewegt wie nie, und meine Todte iſt mir vier oder fünf Mal erſchienen. *Der ſonderbarſte von allen Träumen war der, dſs ich träumte, ich hätte drei Träume gehabt, die mir den Tod vorhergeſagt und erzählte jemandem dieſe 3 Träume, nach dem Aufwachen erinnerte ich mich nur an einen davon deutlich. – Ich bin noch immer an der langen Novelle, vor Oſtern wird ſie doch fertig, dann dictir ich ſie; fange aber gleich was neues an, entweder eine kurze Geſchichte oder dieſes Sommerſtück; – eigentlich hab ich ein Gefühl von Unerſchöpf*lichkeit wie nie zuvor, aber es iſt mehr theoretiſch, – macht mich nicht beſonders glücklich. Ich empfinde meinen Verluſt ſchwerer und ſichrer als je.
Leben Sie wohl und ſchreiben Sie mir bald ein Wort.
Von Herzen Ihr
Arthur.
Ich hoffe Sie haben meinen Brief (aus Wien) und auch die Karten aus Dalmatien bekommen.
Wien, 9. 4. 900.
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    viel ich auf meiner Reise]
    Er erwähnt mehrere davon im Tagebuch (1. 4. 1900, 4. 4. 1900, 5. 4. 1900, 6. 4. 1900).
    ich hätte drei Träume]
    Siehe A. S.: Tagebuch, 6. 4. 1900