Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 23. 3. 1900

23. 3. 900.

mein lieber Hugo, Sie haben mich recht lang warten lassen, aber was Sie mir schreiben ist alles erfreulich und schön, und so hab ich es erwartet. Der kleine Ort heißt Vilennes oder Vilaines – bei Poissy, wenn mich nicht die Erinnerg trügt, an der Marne. Ich kann nie an jene Stunde zurückdenken, ohne dass sich mein ganzes Wesen mit einem unbegreiflichen Schauer füllt, so als wenn ich dort es eigentlich schon hätte wissen müssen – oder gar – es gewußt hätte – (»dort – wo wir an lichten Tagen nicht hineinschaun!«) – Ihr Brief kam grad am Morgen des 18. März. –
Ihr kleines Vorspiel, das ich sehr einfach und schön finde, hab ich gleich an Paul Goldmann (Berlin, Dessauerstraße 19) geschickt, vielleicht schreiben Sie ihm auch ein Wort?
– Wir leben hier noch im ewigen Winter. Schnee heut Nacht! – Und Wind, Regen, Koth. Es ist abscheulich. Ich will in den nächsten Tagen ein bischen in den Süden fahren, bis Ragusa. Nicht mit rechter Freude. Aber ich hab auch immer Katarrhe, jetzt noch dazu dumme Geschichten mit plombirten Zähnen, dazu alles andre, kurz, ich kann mich kaum je eine viertel Stunde wohl fühlen. Anfang März war ich ein paar Tage in Edlach; habe dort den Frühling finden wollen, aber Eis und 10 Grad Kälte, sowie Dora Speyer gefunden, die übrigens lieb ist.
– Jetzt ist Brandes hier, erzählt sehr amüsant, und ist gewiss was sehr besondres. Und doch (warum »und doch«?) hab ich eher ein Gefühl der Entfremdung diesmal ihm gegenüber. Liegt wohl an meiner Stimmung. –
Ich arbeite an nichts als an der langen Novelle, die wohl (stofflich) so eine Art Seitenstück zur Femme de 30 ans wird, eine veuve de 30 ans – vielleicht schließ ich sie auf der dalmatinischen Küstenfahrt ab. –
Eben telephonirt mir Richard ich möge in den Schachclub kommen – Ist das nicht ganz unwahrscheinlich in Paris zu hören, dass hier weiter telephonirt wird – in den Schachclub gegangen –? So ist es mir gewissermaßen räthselhaft, dass gewiss das Haus in der rue Maubeuge Nr. 5 steht – ja dass noch die Zimmer existiren, die Fenster – die Waschtische – –
Ich kann Ihnen gar nicht sagen wie mir ist, während ich diesen Brief ende. Als hätt ich’s noch immer nicht ganz verstanden – denn in diesem Augenblick sind mir Dinge eingefallen, an die ich seitdem nicht gedacht.
leben Sie wohl. Wann kommen Sie wieder? Werden wir zusammen radeln? Ich bin neugierig auf das, was Sie mir von den Namenlosen erzählen werden.
Von Herzen
Ihr
Arthur.
    18. März]
    Maria Reinhards erster Todestag.
    veuve de 30 ans]
    frz. dreißigjährige Witwe.